Zeit für ein bisschen Jungfrauenverehrung
Ich will sofort einen Kindle – denn mit dem E-Book könnte ich meine Zeitungs- und Zeitschriftenkosten radikal reduzieren. Alleine mein FT-Abo würde es rausreißen,denn das kostet laut Amazon auf dem Kindle monatlich nur 9,99 $ – entspricht 94,80 Euro im Jahr. Da sparte ich gegenüber dem Printabo unglaubliche 481,40 Euro – könnte mir also den Kindle kaufen und hätte noch Geld übrig.
Die anderen Kindle-Abos sind ähnlich absurd bepreist (Übersicht bei Amazon). Magazine wie Fortune oder Newsweek gibt es für 1,49 $, was etwa einem Viertel des (bereits rabattierten) US-Abopreises der Printausgabe entspricht.
Bei der FT beträgt die Differenz sogar 83 Prozent zum Print. Nun kann es ja sein, dass die Verlage wegen der digitalen Distribution Vertriebs- und Produktionskosten in signifikanter Höhe sparen (ich schätze 60%) – und die zusätzlichen Grenzkosten für einen Vertrieb über den Kindle gehen vermutlich gegen Null.
Aber das ist doch kein Grund, das Zeug dem Leser zu Ramschpreisen in den Rachen zu werfen. Wo war denn da das Marketing? Hallo, Konsumentenrente? Auch wenn die FT auf dem Kindle nur halb so teuer wäre wie auf Papier, würde ich sie trotzdem elektronisch abonnieren.
Die Verlage versauen sich auf diesem interessanten neuen Vertriebsweg von Anfang an den Preis – mir ist schleierhaft, wie sie nach Abgabe geschätzter 40 Prozent der Umsatzerlöse an Amazon überhaupt irgendetwas verdienen wollen. Ist ja auch keine Werbung drin.
Erst jammern, dass die Leute für Content nix zahlen wollen -und dann bei einer Gelegenheit, diesen Trend umzukehren, gleich eine Ramschstrategie fahren.
Dieser Blogpost von Henry “piece of shit” Blodget lässt mir keine Ruhe. Der Ex-Analyst hat unlängst ausgerechnet, dass die NYT jedem ihrer Abonnenten einen Kindle schenken könnte, wenn sie das Blatt nicht mehr druckte. Das ist freilich eine Milmädchensubtraktion, die dem Blatt wenig hilft.
Ich habe mir ein paar Zahlen zur Kostenstruktur deutscher Tageszeitungen besorgt und ein wenig herumgeexcelt. Das Ergebnis finde ich ebenso interessant wie deprimierend. Auf Basis der durchschnittlichen prozentualen Kostenverteilung habe ich eine (stark simplifizierte) Kostenrechnung für den fiktiven “Dödelsberger Boten” erstellt.
Dieses qualitätsjournalistische Blatt machte in den guten alten Zeiten 120 Mio. Umsatz p.a., bei Vollkosten von 100 Mio. Dann kam die Medienkrise und die Anzeigenerlöse (70% des Gesamtumsatzes) schmierten um 60% ab. Damit war die einstmals hochprofitable Zeitung plötzlich tiefrot. Die Dödeldorfer erhöhten daraufhin ihren Copypreis um 10%, was ihnen aber nicht viel geholfen hat.
Das Elend sieht buchhalterisch dann folgendermaßen aus:
Die Internetausgabe Dödel.de läuft doch bestimmt besser? Liegt alles nur am Toter-Baum-Vertieb? Nicht wirklich. Ich habe mal angenommen, dass die Onlineausgabe 25 % des Werbeumsatzes der Printausgabe erwirtschaftet (optimistisch), 10% der Vertriebskosten der Printausgabe hat, 25 % der Anzeigenkosten und 25% der Verwaltungskosten. Dödel.de ist trotzdem tiefrot.
Selbst wenn das Webangebot sich das gesamte Backoffice mit der Printausgabe teilt, ist es defizitär:
Ich habe länger mit der Excel-Tabelle herumgespielt – das einzige wovon ich die Finger gelassen habe, sind die Redaktionskosten – die journalistische Qualität soll ja erhalten bleiben, egal ob bei Print oder Online. Doch selbst, wenn man “Dödeldorfer Bote” und Dödel.de kombiniert und die Printredaktion alle Onlinebeiträge nebenbei mitschreiben lässt (unrealistisch), kommt immer noch ein Fehlbetrag heraus.
Was ich damit sagen will? Keine Ahnung – vielleicht, dass es alles nicht so einfach ist, wie Henry Blodget glaubt. Hier ist übrigens meine Tabelle – wer also mal Costcutter spielen will – viel Spaß.
Und hier nochmal als Grafik.
Und jetzt die Eigenwerbung: Wenn ich Kollegen oder Bekannte nach der Seite 2 von SPON frage, dann gucken die mich immer an wie ein Auto mit Abblendlicht. “Die was?” Dabei ist die Zwo äußerst lesenswert, denn sie versammelt die schönsten Reportagen, Analysen und Kommentare des Tages auf einer magazinigen Überssichtsseite. Außerdem gibt es einen Kalender,sodass man alte Seiten-Zwos durchblättern kann. Super,oder? Einfach mal reinschauen.




