Jetzt wird mir doch ein bisschen mulmig: Kommende Woche muss ich insgesamt vier Bahnfahrten à vier Stunden absolvieren. Ich hatte mir das recht gemütlich vorgestellt, mit dem iPad im temperierten Abteil sitzend, vor mir eine geeiste Cola und ein in der Mikrowelle aufgewärmtes Tütengericht von Sarah Wiener.
Stattdessen erwarten mich wohl Tropenklima, schreiende Kinder und kreischende Schwangere, die verzweifelt mit dem Nothammer auf die Fenster eindreschen.
Aber hilft nix. Ich kann meine Reise nicht verschieben, ich muss da durch. Und was soll mir schon passieren? Ich habe schließlich schon Heathrow überlebt, mehrfach. Dazu British Rail und Amtrak. Schlimmer kann die Bahn ja wohl nicht sein.
Man muss sich einfach nur ordentlich vorbereiten. Das Motto lautet: Fully strapped, always packed. Deshalb lade ich jetzt bereits meine Halbautomatik, bügle meine Utilityweste und packe den Army-Rucksack.
Bahn-Sommerset:
3 Flaschen Evian (1,5 Liter) – geben Dehydration
500 Euro in kleinen Scheinen – damit man aufs Taxi umsteigen kann
1 asiatischer Klappfächer – zum Windmachen
2 frische T-Shirts – ist klar, oder?
1 Waschlappen – als kalte Kompresse für den Nacken
1 große Maglite-Lampe – bei Stromausfall und Sitzplatz-Disputen
1 Packung Elektrolytbeutel aus der Apotheke – bei fortgeschrittenen Dehydrationserscheinungen
1 Sitzkissen (aufblasbar) – zum Im-Gang-Hocken
1 Latthammer X-Striker – zerlegt selbst dicke Scheiben beim ersten Schlag
1 Defibrillator – zur Reanimation kollabierter Primaner
1 HK USP .45 Stainless Full-Size mit zwei Langmagazinen – zur crowd control und für alle Fälle
Massentourismus macht mit bildschönen Landstrichen teils groteske Sachen. Auf Mallorca kann man statt Boquerones Eisbein essen und Bundesliga gucken. Auf Menorca offerieren die Kneipen “Steak in a Yorkshire crust”. Eine weitere eigentlich bildschöne Region, die stellenweise arg unter dem Ansturm bleicher Nordeuropäer gelitten hat, ist der Norden Kretas. Westlich von Rethymnon reihen sich Pizzabuden, Autovermietungen und Funparks an der Hauptsraße, deren Lärm zum Strad herüberweht.
Die wichtigsten Kunden sind hier neben den Deutschen und den Briten die Russen. Zwar habe ich nirgendwo Restaurants gesehen, die Borschtsch feilbieten (ich kann freilich auch kein Russisch lesen). Dafür gibt es aber alle 100 Meter ein Pelzgeschäft. Dort kann man alles erwerben, was man in einem strengen sibirischen Winter so braucht. Im August hat es auf Kreta locker über 30 Grad. Schon die Anprobe dürfte eine Tortur sein.
Eine Hamburger Illustrierte machte vor einigen Jahren mal mit dem etwas rassistischen Urlaubstitel “Die Russen kommen” auf und erregte sich über deren rüdes Verhalten an Pool und Frühstücksbüffet. Die Russen in meinem Hotel waren sehr freundlich. Und ihre Pelze, so sie welche dabei hatten, trugen sie weder am Strand noch an der Beachbar.
Dass die Russen so friedlich waren, mag auch daran gelegen haben, dass sie sich ab 10 Uhr morgens zügig mit Heineken zuzogen – genau wie die Deutschen und die Engländer.
