Das ist super. Meine Meinung: Regt Euch nicht so auf, Leute – das Freien-Blog des DJV ist doch einfach großartig!
Warum? Es ist wunderbar Gaga, hat stets viele niedliche Rechtschreibfehler (“möglicherweise ist gut so”) und tolle Metaphern (twittern, “bis das iPhone kracht”) in seinen Texten parat, ventiliert eine Menge megarandseitige Positionen und lässt sich auch durch Maulschellen im Dutzend nicht davon abhalten, weiter zu bloggen.
So viel Standhaftigkeit, soviel Entertainment, und das alles ganz umsonst.
Mir hat die Diskussion auf jeden Fall mal wieder den Tag versüßt. Wenn jetzt der Konken noch etwas Altkluges sagen würde, kurz vor Feierabend, das wäre das Sahnehäubchen.
Seit etwa zwei Wochen besitze ich einen Amazon Kindle. Als elektrisches Buch macht er mir viel Freude. Zurzeit nehme ich meinen Kindle allabendlich mit ins Bett und lese auf ihm “Conan the Cimmerian”.
Nur als Zeitung ist er eine große Enttäuschung.
E-Reader sollen, das hoffen zumindest viele Verlagsmanager, die Zeitung retten. Auf den ersten Blick erschien mir das Gerät als Papierersatz recht viel versprechend. Auf dem Kindle gibt es derzeit 56 Zeitungen, darunter “New York Times”, “Mainichi Shinbun” und “Le Monde”.
Die Titel kann man einzeln kaufen oder abonnieren. Dazu reicht ein Klick, die Zeitung wird dann über die Mobilfunkverbindung des Kindle binnen Sekunden auf das Gerät gepusht.
Dass Menschen für ihre NYT wieder zwei Dollar berappen, statt sie umsonst im Netz zu lesen, ist natürlich eine große Chance für die Verlage. Mein erster Eindruck ist: Sie nutzen sie nicht. Kaum eines der auf dem Kindle erhältlichen Blätter scheint sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht zu haben, wie es seine Inhalte für den E-Reader optimieren kann. Stattdessen werden die Papierausgaben 1:1 übertragen.
Das Elend fängt bei der Optik an. Fotos sehen auf elektronischem Papier, gelinde gesagt, bescheiden aus. Sie wirken wie Schwarz-Weiß-Kopien, die jemand mit einer Xerox-Maschine aus den frühen Achtzigern gemacht hat.
Oft sind bei der Umformatierung zudem die unterschiedlichen Typen verloren gegangen, sodass sich Vorspann und Lauftext nicht mehr unterscheiden lassen. Der Blocksatz der FAZ etwa wird auf dem Kindle mitunter völlig zerfetzt – auf dem ohnehin nicht gerade riesigen Bildschirm entstehen so Löcher, in denen ein Zwei-Euro-Münze Platz hat.
Noch ärgerlicher ist das Fehlen einer vernünftigen Leserführung. Der größte Nachteil von Onlinemedien gegenüber der Zeitung (Zyniker würden sagen: der einzige) ist der kleinere Screen. Auf der Darstellungsfläche eines Laptops lassen sich bestenfalls halb so viele Artikel unterbringen wie auf der Doppelseite eines Broadsheets.
Da aber der Kindle-Screen nochmals wesentlich kleiner ist (15 cm) als ein Laptop, müsste man sich irgendetwas einfallen lassen – hat man aber nicht. Es gibt, z.B. bei NYT, “Handelsblatt” und FAZ, eine Rubrikenübersicht (Wirtschaft, Finanzen, Politik) – aber kein Verzeichnis der einzelnen Artikel oder einen Index vorkommender Personen oder Unternehmen, wie es ihn in vielen gedruckten Zeitungen gibt.
Stattdessen muss der geneigte Leser mit Hilfe des Jog-Dial durch die Zeitung blättern, Artikel für Artikel. Das ist ungefähr so komfortabel, als wenn man die gesamte NYT auf DIN-A-5-Seiten ausdrucken und zu einem großen Stapel auftürmen würde.
Am aberwitzigsten finde ich jedoch, dass sich die teilnehmenden Blätter durch die Bank dazu entschlossen haben, einen elektronischen Always-Online-Device mit einem komplett statischen Produkt zu beliefern.
Wie bei der guten alten Druckausgabe wird die Kindle-Zeitung einmal am Tag aktualisiert – und zwar früh morgens mit nachrichten vom Vorabend. Dabei wäre es dank des UMTS-Push ja problemlos möglich, auch zu anderen Zeiten zu aktualisieren.
Nun habe ich nach den ersten zwei Wochen das Gefühl, dass der Kindle sich eher für ruhiges, konzentriertes Lesen längeter Texte eignet – wer ein Feuerwerk aus News-Updates möchte und gerne Headlines scannt, der geht vermutlich besser ins normale Internet. Aber dennoch: Auf einem UMTS-fähigen Gerät die Content-Auslieferungszyklen des Prä-Internetzeitalters 1:1 fortzuschreiben, mutet absurd an.
Einige japanische Zeitungen haben Morgen- und Abendausgaben. Das wäre auch hier eine Möglichkeit. Vielleicht noch eine zusätzliche Mittagsausgabe. Zudem fände ich zumindest in zwei Fällen Push-Updates unverzichtbar:
1. Wenn um 16 Uhr etwas wirklich Großes passiert, kann man seinen (zahlenden!) Abonnenten nicht weiter den ollen Aufmacher vorsetzen, der vor 21 Stunden an die Druckerei gesendet worden ist.
2. Das gleiche gilt für Geschichten, die sich am Tag nach der Drucklegung als falsch erweisen bzw. bei denen sich die Sachlage grundlegend geändert hat. Die könnte man zurückziehen. Da es kein Seitenlayout gibt, wäre das einfach machbar.
Der Fairness halber muss ich anmerken, dass ich nicht weiß, was Amazon den Verlagen für ihre Kindle-Versionen für Vorgaben gemacht hat. Aber da Amazon ein ziemlich innovatives Unternehmen ist und ein großes Interesse daran haben müsste, auf seinem neuen E-Book originelle Produkte mit added value zu offerieren, kann man zumindest mutmaßen, dass die Verlage einen gehörigen Anteil an der enttäuschenden Präsentation ihrer Inhalte auf dem Kindle haben.
Ein letzter, ebenfalls wunderlicher Punkt. Nirgendwo habe ich Werbung gefunden. Wenn man eine Zeitung schon 1:1 für den gleichen Copypreis auf dem Kindle verkauft – wieso lässt man dann nicht die Anzeigen drin?
Oder noch besser: Setzt neue rein. Der Common Sense scheint ja zu sein, dass journalistische E-Paper-Inhalte ohne Werbung auskommen müssen. Aber warum eigentlich?
Werbeanzeigen auf dem Kindle müssten doch theoretisch die teuersten Display-Ads der Welt sein – denn die meisten der Besitzer füttern Amazons Recommendation System schließlich seit Jahren mit Daten zu ihren Shopping-Präferenzen. Exakteres Zielgruppenmarketing geht kaum.
Zum Schluss noch eine kleine Absurdität: Als ich mir meine erste NYT heruntergeladen hatte, wollte ich die Technology Section lesen, die ich von NYT.com kenne und schätze. Auf dem Kindle gibt es sie jedoch nicht.
Warum? Na, weil es sie in der Print-Ausgabe der Grey Lady auch nicht gibt. Der Papierversion liegt einmal wöchentlich die Beilage “Circuits” bei. Und deshalb ist das auf dem Kindle natürlich auch so.
Der Deutsche Journalisten-Verband und das Internet, das ist keine Liebesbeziehung. Unlängst hat der DJV gefordert, bestimmte unentgeltliche Informationsangebote im Internet zu verbieten. Für eine engagierte (und inzwischen von der Gewerkschaft beendete) Diskussion sorgt zudem ein unbekannter Autor, der in einem Blog auf der DJV-Homepage gegen Google vom Leder zieht.
Ich finde viele Einlassungen des DJV wunderlich, aber das ist nur meine Meinung. Weil es trotz der ganzen Pöbeleien eigentlich um ein wichtiges Thema geht (den Fortbestand des Qualitätsjournalismus) habe ich als kleinen Beitrag zur Debatte einmal nachgeschaut, was der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken in der Vergangenheit in Sachen Internet so von sich gegeben hat.
Das Ergebnis als kleine Slideshow.
Update: Ebenfalls lesenwert ist die Antwort des DJV auf die Kritik an der Haltung gegenüber Bloggern, Gratisangeboten, Google etc.
Ich will sofort einen Kindle – denn mit dem E-Book könnte ich meine Zeitungs- und Zeitschriftenkosten radikal reduzieren. Alleine mein FT-Abo würde es rausreißen,denn das kostet laut Amazon auf dem Kindle monatlich nur 9,99 $ – entspricht 94,80 Euro im Jahr. Da sparte ich gegenüber dem Printabo unglaubliche 481,40 Euro – könnte mir also den Kindle kaufen und hätte noch Geld übrig.
Die anderen Kindle-Abos sind ähnlich absurd bepreist (Übersicht bei Amazon). Magazine wie Fortune oder Newsweek gibt es für 1,49 $, was etwa einem Viertel des (bereits rabattierten) US-Abopreises der Printausgabe entspricht.
Bei der FT beträgt die Differenz sogar 83 Prozent zum Print. Nun kann es ja sein, dass die Verlage wegen der digitalen Distribution Vertriebs- und Produktionskosten in signifikanter Höhe sparen (ich schätze 60%) – und die zusätzlichen Grenzkosten für einen Vertrieb über den Kindle gehen vermutlich gegen Null.
Aber das ist doch kein Grund, das Zeug dem Leser zu Ramschpreisen in den Rachen zu werfen. Wo war denn da das Marketing? Hallo, Konsumentenrente? Auch wenn die FT auf dem Kindle nur halb so teuer wäre wie auf Papier, würde ich sie trotzdem elektronisch abonnieren.
Die Verlage versauen sich auf diesem interessanten neuen Vertriebsweg von Anfang an den Preis – mir ist schleierhaft, wie sie nach Abgabe geschätzter 40 Prozent der Umsatzerlöse an Amazon überhaupt irgendetwas verdienen wollen. Ist ja auch keine Werbung drin.
Erst jammern, dass die Leute für Content nix zahlen wollen -und dann bei einer Gelegenheit, diesen Trend umzukehren, gleich eine Ramschstrategie fahren.
Dieser Blogpost von Henry “piece of shit” Blodget lässt mir keine Ruhe. Der Ex-Analyst hat unlängst ausgerechnet, dass die NYT jedem ihrer Abonnenten einen Kindle schenken könnte, wenn sie das Blatt nicht mehr druckte. Das ist freilich eine Milmädchensubtraktion, die dem Blatt wenig hilft.
Ich habe mir ein paar Zahlen zur Kostenstruktur deutscher Tageszeitungen besorgt und ein wenig herumgeexcelt. Das Ergebnis finde ich ebenso interessant wie deprimierend. Auf Basis der durchschnittlichen prozentualen Kostenverteilung habe ich eine (stark simplifizierte) Kostenrechnung für den fiktiven “Dödelsberger Boten” erstellt.
Dieses qualitätsjournalistische Blatt machte in den guten alten Zeiten 120 Mio. Umsatz p.a., bei Vollkosten von 100 Mio. Dann kam die Medienkrise und die Anzeigenerlöse (70% des Gesamtumsatzes) schmierten um 60% ab. Damit war die einstmals hochprofitable Zeitung plötzlich tiefrot. Die Dödeldorfer erhöhten daraufhin ihren Copypreis um 10%, was ihnen aber nicht viel geholfen hat.
Das Elend sieht buchhalterisch dann folgendermaßen aus:
Die Internetausgabe Dödel.de läuft doch bestimmt besser? Liegt alles nur am Toter-Baum-Vertieb? Nicht wirklich. Ich habe mal angenommen, dass die Onlineausgabe 25 % des Werbeumsatzes der Printausgabe erwirtschaftet (optimistisch), 10% der Vertriebskosten der Printausgabe hat, 25 % der Anzeigenkosten und 25% der Verwaltungskosten. Dödel.de ist trotzdem tiefrot.
Selbst wenn das Webangebot sich das gesamte Backoffice mit der Printausgabe teilt, ist es defizitär:
Ich habe länger mit der Excel-Tabelle herumgespielt – das einzige wovon ich die Finger gelassen habe, sind die Redaktionskosten – die journalistische Qualität soll ja erhalten bleiben, egal ob bei Print oder Online. Doch selbst, wenn man “Dödeldorfer Bote” und Dödel.de kombiniert und die Printredaktion alle Onlinebeiträge nebenbei mitschreiben lässt (unrealistisch), kommt immer noch ein Fehlbetrag heraus.
Was ich damit sagen will? Keine Ahnung – vielleicht, dass es alles nicht so einfach ist, wie Henry Blodget glaubt. Hier ist übrigens meine Tabelle – wer also mal Costcutter spielen will – viel Spaß.
Und hier nochmal als Grafik.






