Dass Journalismus in Zeiten immer weiter schrumpfender Budgets und immer lachhafterer Zeilenhonorare immer weniger Spaß macht, hat sich bereits herumgesprochen. Immer wieder überraschend ist hingegen, auf welche bizarre Art vor allem Lokalzeitungen inzwischen an kostenlosen Content zu kommen versuchen.
Neulich fielen die “Ruhr Nachrichten” unangenehm auf, als sie über einen Aufruf Amateurschreiber suchten, die “sich ein paar Euro dazu verdienen“ wollten. Fachliche Kenntnisse oder Erfahrung, so hieß es weiter, seien Nebensache – es zähle vor allem das “journalistische Interesse“.
Das Modell “Amateure für einen Hungerlohn ausbeuten“ klingt endmies, aber natürlich kann man auch dieses Niveau problemlos untertunneln. Das probiert gerade die Münchener “Abendzeitung”, die auf ihren Verkaufsboxen mit folgender Anzeige um Texte und Fotos bittet:
Wenn ich das richtig verstehe möchte die „Abenzeitung“ Texte über lokale Geschehnisse in Schwabing oder Haidhausen von den jeweiligen Urhebern für umme haben. Man kann sich hier also, anders als bei der Qualitätspublikation von der Ruhr, nicht einmal mehr “ein paar Euro dazuverdienen”. Damit der AZ niemand Abzocke vorwerfen kann, lobt sie dieses Gewinnsspiel aus – eine Journalismus-Lotterie gewissermaßen.
Angesichts der Debatte um das unlogische, inkohärente und von völlig falschen Voraussetzungen ausgehende Leistungsschutzrecht, mit dem einige Verlage ihr eigenes ökonomisches Versagen zu kaschieren versuchen, würde ich gerne an einen Text erinnern, der schon recht alt ist, aber alles zu dem Thema sagt, was gesagt werden muss.
Es handelt sich um die “Petition der Kerzenmacher” des französichen Ökonomen Frédéric Bastiat von 1845. In ihr fordern die Produzenten von Lampen und Lichterzeugnissen die Regierung auf, ihnen ihren ärgsten Konkurrenten vom Halse zu schaffen – nämlich die Sonne:
Wir fordern, Sie mögen ein Gesetz erlassen, das das Schließen aller Fenster, Bodenluken, Dachfenster, Fensterläden, Läden, Vorhänge, Schiebefenster, Bullaugen, Markisen vorschreibt – mit einem Wort, aller Öffnungen, Löcher, Spalten und Ritzen durch die das Licht der Sonne üblicherweise in die Häuser dringt, zum Nachteil der schönen Industrien, mit denen wir uns schmeicheln, das Land beschenkt zu haben, das doch undankbar wäre, wenn es uns heute in einem so ungleichen Kampf im Stich lassen wollte.
Dies, so argumentieren sie, sei schließlich zu aller Vorteil:
Welche Industrie Frankreichs würde nicht nach und nach dadurch gefördert werden? Wenn mehr Talg verbraucht wird, braucht man mehr Rinder und Schafe, und in Folge wird man künstliche Weiden, Fleisch, Wolle und vor allem Getreide, diese Basis alles landwirtschaftlichen Reichtums, sich vermehren sehen. Wenn mehr Öl verbraucht wird, sieht man sich Anbau von Mohn, Oliven, Raps ausbreiten. Diese reichhaltigen und anspruchsvollen Pflanzen werden mit der Zeit die Fruchtbarkeit des Bodens, die die Aufzucht von Tieren mit sich bringt, nutzbar machen.
Ähnlichkeiten zu Medienkonzernen, die das Internet aussperren möchten, sind nicht zufällig. Den gesamten Text in Deutsch gibt es hier. Und zum Anhören (Englisch) gibt es ihn hier.
Er hat geniale Geräte gebaut, Design-Ikonen geschaffen, die Musikindustrie umgekrempelt – ja, sicher. Doch Steve Jobs’ wahres Vermächtnis liegt woanders: Der Kalifornier war der größte praktische Philosoph unserer Zeit.
Vor allem seine Stanford-Rede ist ein Manifest, sie enthält so ziemlich alles, was man über das Leben wissen muss. Wer sich manchmal fragt, ob er eigentlich in die richtige Richtung läuft, der sollte sie sich anhören. 15 Minuten geballte praktische Philosophie sind das, die gesamte Lebensweisheit des Steve Jobs. Erklärt in jener einfachen und eindringlichen Sprache, die eine seiner größten Gaben war.
Journalistenpreise: Wichtige Ehrungen, die den Fortbestand des deutschen Qualitätsjournalismus sichern – oder institutionalisierte Scrotumschaukelei selbstverliebter Medienfuzzis?
Weiß ich jetzt auch nicht. Ich finde sie aber auf jeden Fall unterhaltsam, vor allem ihre Teilnahmebedingungen. Damit Ihr auch etwas davon habt, kommen hier zwölf Fakten über Journalistenpreise, die Ihr bisher nicht kanntet (und ohne die Ihr bisher ganz gut ausgekommen seid):
Beim Marion-Dönhoff-Förderpreis der Robert-Bosch-Stiftung dürfen sich Onlinejournalisten nur dann bewerben, wenn ihr Portal auch ein Offline-Pendant besitzt.
Der vom Industrieverband Friseurbedarf ausgelobte Journalistenpreis heißt Bob.
Der Axel-Springer-Preis für junge Journalisten akzeptierte bis 2010 Onlineartikel nur dann, wenn diese kostenlos zugänglich waren.
Der Preis des Zahnmedizinerverbands Prodente heißt Abdruck.
Beim Arrabiata-Preis wird der beste erste Satz prämiert. Der Gewinner bekommt drei Teller Penne all’arrabbiata in Hamburg sowie als Nachspeise eine Crème Brûlée in Paris.
Beim Henri-Nannen-Preis dürfen Journalisten maximal zwei Beiträge einreichen. Ausnahme: Wenn es sich um lustige Texte handelt, sind fünf erlaubt.
Beim Wahrheit-Preis der taz geht es darum, einen vorgegebenen Satz in ein Qualitätsmedium zu schmuggeln. 2010 hieß der Satz: “”Der Tango macht den Gaucho heiß, wie jedes Rind der Pampa weiß.”
Autorenteams müssen beim Georg von Holtzbrinck Preis für Wirtschaftspublizistik stets zwei Arbeitsproben einreichen. An beiden muss exakt die gleiche Autorenkonstellation beteiligt sein.
Das wohl spitzeste Thema hat der Journalistenpreis Fit for Food: Den inhaltlichen Schwerpunkt der Texte “sollte, neben Laktose- oder Fructose-Unverträglichkeit, die Oligosaccharid-Intoleranz bilden.”
Der von den IHK ausgelobte Ernst-Schneider-Preis hat eine Innovationskategorie, die neue Vermittlungsformen von Wirtschaft prämiert. Onlineformate sind von der Teilnahme ausgeschlossen.
Der Dr. Georg Schreiber-Medienpreis der AOK Bayern akzeptiert in seiner Hauptkategorie keine Onlineartikel.
Der Deutsche Journalistenpreis Wirtschaft | Börse | Finanzen (djp) akzeptiert sehr wohl Onlineartikel, aber keine aus TV oder Radio.
Quellen: Teilnahmebedingungen der jeweiligen Journalistenpreise, Newsroom.de, eigene Recherche.
Im Bild: Verleihung des Journalistenpreis der Österr. Gesellschaft zur Erforschung des Knochens und Mineralstoffwechsels (2011)
Disclaimer: Der Autor hat noch nie einen der o.g. Preise gewonnen, sich aber bei dem einen oder anderen redlich bemüht.
Die Deutsche Post hat gerade eine Plattform für Textverkäufe eröffnet. Sie heißt DieRedaktion.de und ist laut Pressemitteilung ein “Online-Marktplatz für Qualitätsjournalismus”. Seltsam erscheint mir, dass gerade die Post solch ein Portal aufzieht.
Noch seltsamer finde ich, dass in der PM auch davon die Rede ist, Corporate Publishing-Dienstleister, also von Unternehmen für ihre Schalmeien bezahlte Agenturen, würden auf der Plattform ebenfalls Texte einstellen. (Das fiel zuerst Freischreiber.de auf)
Wenn DieRedaktion wirklich eine Plattform für Qualitätsjournalismus wäre, müsste sie eigentlich darauf achten, dass es nicht zu einer Vermischung von PR und Journalimus kommt. Wie unsensibel der Konzern bei diesem Thema jedoch zu sein scheint, zeigt das Testimonial, mit dem DieRedaktion seit Tagen auf ihrer Seite und in Mediendiensten wie Turi2 wirbt:
Der hier abgebildete Herr ist laut Bildtext” Journalist”. Er heißt Sven Hansel und ist laut seinem Xing-Profil tatsächlich Journalist – und außerdem PR-Berater. Er bietet u.a. “Krisen -PR” und “PR-Strategien” an.
Jetzt darf ja jeder machen, was er will, und vielleicht kann man seine PR-Tätigkeit von seiner journalistischen abgrenzen (wobei ich da persönlich skeptisch bin). Hansel muss man zugute halten, dass er sich vollkommen transparent verhält. “Ob man das in der Anzeige hätte kenntlich machen müssen, weiß ich nicht. Ich mache jedenfalls aus meinem Portfolio kein Geheimnis, wie Sie (und jeder, den es interessiert) es ja auch meinem XING-Profil entnehmen können”, schrieb er auf meine Anfrage.
Aber was Herr Hansel tut oder nicht tut, ist ja eigentlich auch wurscht. Der Punkt ist: Wenn sich die Post gerade so jemanden als Testimonial aussucht, dann spricht das Bände über ihr Qualitätsverständnis. Die Deutsche Post hat bisher noch nicht auf eine Bitte um Stellungnahme reagiert.
Die Post hat mir inzwischen eine Stellungnahme geschickt.
Die Redaktion sei “eine Plattform im Internet für Inhalte, die Journalisten erstellen. Die Deutsche Post hat dies in Kooperation mit dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) entwickelt. Auch Unternehmen und Verbänden bietet sie Zugang zu professionellen Beiträgen für die interne und externe Kommunikation sowie die Gelegenheit, Aufträge für Artikel individuell einzustellen. Die Deutsche Post bietet den Zielgruppen der Plattform lediglich die technische Infrastruktur in Gestalt eines virtuellen Marktplatzes. Eine Einflussnahme im Zusammenhang mit angebotenen Beiträgen und ausgeschriebenen Aufträgen findet nicht statt. Da Sven Hansel auch als freiberuflicher Journalist tätig ist, sehen wir in der Veröffentlichung seines Testimonials auf der Plattform keinen Widerspruch.
Nachtrag: Der DJV erklärt auf Anfrage, er sei kein Koop-Partner der Post. Tester des DJV hätten DieRedaktion.de jedoch vorab geprüft (und offenbar für gut befunden). Die Vermischung von Journalismus und PR liege jedoch im Verantwortungsbereich des Betreibers, also der Post.

Gestern hatte ich einen Facebook-Moment. Ich mag das Netzwerk, eigentlich, aber mit Facebook-Moment meine ich nichts Positives. Sondern jene Augenblicke, in denen man merkt, dass einem die Kontrolle über die eigenen Informationen wieder ein bisschen mehr entgleitet. In denen man etwas tut, das man eigentlich gar nicht tun wollte. Wegen Facebook.
In diesem Fall geht es um meine in Gründung befindliche kleine Artikelschmiede, das Textfundbüro. Weil ich bereits viel zu viele Webseiten, Twitter-Accounts und Facebook Pages unterhalte oder administriere, hatte ich mich ganz bewusst dafür entschieden, dass es diesen ganzen Quatsch beim Textfundbüro vorerst nicht geben wird.
Kein Social Media, kein SEO, keine Statusupdates. Stattdessen Visitenkarten aus Papier, eine Telefonnummer und (hoffentlich) ausgeschlafene, schöne Artikel. Sei mal kontrazyklisch, dachte ich mir. Focus on the product. Dieser ganze Quatsch, das lenkt dich nur ab.
Dann beging ich den dämlichen Fehler, Mark Zuckerberg von der Sache zu erzählen.
Das meine ich natürlich im übertragenen Sinne. Ich trug in meinem Facebook-Profil den Namen meiner neuen Firma ein. Ich dachte nicht groß darüber nach, ich tat es einfach, doofer Formularausfüllzombie, der ich manchmal bin.
Zwei Stunden später sah ich, dass mein Freund O. das Textfundbüro auf Facebook geliked hatte. Ich klickte auf den Link. Der führte zu einer Facebook-Page. Ich war verdutzt. Wieso hat mein Journalistenbüro eine Facebook-Page? Habe ich die angelegt?
Jein. Die wird bei der Eingabe eines neuen “Arbeitgebers” im Facebook-Profil offenbar automatisch generiert, sofern die Firma noch nicht in der Datenbank ist.
Da schwirrte sie also plötzlich durchs Netz, die ungewollte Fanseite meiner neuen Marke – hässlich, herrenlos, leer, unadministriert. Rasch beantragte ich die Adminrechte für das Textfundbüro – bevor es jemand anders tut.
Dafür musste ich ein Formular ausfüllen und Facebook gegenüber erklären, dass ich, der Inhaber des Textfundbüros, dazu autorisiert bin, das Textfundbüro zu vertreten. An Eides Statt.
Das ist doch Scheiße. Wieso sitze ich hier vor meinem Rechner und muss irgendwelchen Typen in Kalifornien darlegen, dass ich die Seite meiner eigenen Firma, die ohne meine Wissen (oder meinetwegen: aufgrund meines Unwissens) automatisch angelegt wurde, verwalten und hoffentlich bald wieder löschen darf (so wahr mir Gott helfe)?
Dienstag, 02.12.10, 16.15 Uhr – Nach der abgeschlossenen Eingabe beim Amt für soziale Vernetzung (i.e. Facebook) warte ich darauf, dass Facebook mir die Adminrechte für das Textfundbüro gnädigerweise gestattet.
Dienstag, 02.12.10, 16.28 Uhr – Ich habe nun ein Email erhalten, via enthaltenem Link meine Emailadresse bestätigt und harre fürderhin der weiteren Prüfung meines Antrags.
Dienstag, 29.03.11 – The Zucks Mühlen mahlen langsam, aber: Heute, vier Monate nach meiner Anfrage, hat Facebook mir eine Antwort auf meine Admin-Anfrage geschickt. Am Wording kann man erahnen, dass sich da jemand sehr gründlich mit der Sache befasst hat:
Unfortunately, after further review, you did not meet the requirements to take over the Page in question. At this time we will not be able to provide you admin rights to this Page. We apologize for any inconvenience this may cause.
For more information about this feature, as well as answers to frequently asked questions, please visit Facebook’s Help Center by clicking the link below:
http://www.facebook.com/help/?page=175
Ausnahmsweise mal kein Sensationsbericht, keine Killerspielanalogien, keine Okkultismusvorwürfe – stattdessen eine sehr nüchterne, gut gemachte Dokumentation zur Frage, was Fantasy-Rollenspiele sind – untergliedert in LARP, Tischrollenspiel, Computerrollenspiel und MMO.








