Tom Hillenbrand’s Netzfundbüro

Dowload mit Stoßgebet

5 March 2010 — Medienmassaker, Social Media, Supergeek

Schutzheilige gibt es haufenweise - Christophorus hilft den Autofahrern, Matthäus den Bankern. Auch für die Medien gibt es patron saints. Das Fernsehen etwa wird von der Heiligen Klara von Assisi betreut. Diese Heiligen bekommen ihre Schutzbefohlenen nicht nach dem Zufallsprinzip zugeteilt, sondern aufgrund ihrer Historie.

Die Arme Klara etwa wurde von Pius XII. 1958 zur TV-Heiligen auserkoren, weil sie dereinst der Überlieferung zufolge wegen einer Krankheit nicht der Messe nicht beiwohnen konnte - ihr der liturgierenden Priester aber wundersamerweise auf der Mauer ihrer Zelle erschien. Halleluja.

Nur das Internet hat bis heute keinen Schutzheiligen. Dabei könnte das Web gut einen gebrauchen: Überall sind Viren, Phisher und Hacker unterwegs. Und wer mit einem Windows-PC arbeiten muss, der schickt ohnehin dauernd Stoßgebete zu Himmel. Deshalb wäre ein surfer’s saint ganz gut.

Vor einigen Jahren war dann tatsächlich der Heilige Isidor von Sevilla im Gespräch. Der spanische Kirchenmann aus dem 7. Jahrhundert ist der Verfasser der Etymologiae, des wohl ersten modernen Lexikons.

Anders als frühere,krautigere Werke war Isidors Offline-Wikipedia erstmalig hierarchisch geordnet. Der Kirchenmann legte das gesamte Wissen seiner Epoche gewissermaßen in Baumstruktur ab, nach der Logik C:\Tiere\Vögel\Amseln. Das klingt heute banal, war aber damals revolutionär - der Erfolg der Etymologiae war dann auch derart durchschlagend, dass das Lexikon bis ins späte Mittelalter hinein verwendet wurde.

Wegen seiner Rolle als Informationsguru und Erfinder des file trees wurde Isidor von einem Beratungsgremium des Vatikans für den Job des Web-Schutzheiligen ins Gespräch gebracht. Er ist aber, soweit sich das festellen lässt, vom Pontifex nie offiziell bestätigt worden.

Im Internet wird das zwar an verschiedenen anders dargestellt, aber soweit ich es recherchieren konnte, gibt es bis heute keinen offiziellen katholischen Internet-Schutzheiligen. Der Vatikan und seine deutsche Nuntiatur wussten zumindest auf anfrage nichts von einem Internet-Patron.

Ist aber eigentlich auch egal, oder? Padre Pio wurde von den Italiener schließlich auch verehrt - Jahrzehnte, bevor die katholische Kirche dann auch irgendwann Ihren Segen gab. Ich finde die Idee eines Internet-Schutzheiligen einfach sehr nett. Und man muss dazu auch gar nicht katholisch oder christlich sein. Man kann den Web-Isi auch einfach als lucky charm begreifen.

Also hab ich einfach mal eine Facebook-Seite für Isidor eingerichtet - ganz ohne päpstlichen Segen.

13 Observations about the E-Book Revolution

28 February 2010 — Debatte, Medienmassaker, Wirtschaft, Kultur, Printen, E-Book / E-Reader

I. If you are a bestselling star novelist, you do not need a publishing company between you and and your readers.

II. If you are brand new, arrogant and avantgarde, you do not want a a publishing company between you and and your readers.

III. Receiving thirty percent of a digital book’s cover price from Amazon feels like theft if you are a publisher.

IV. Receiving thirty percent of a book’s cover price from Amazon feels like a bonanza if you are an author.

V. If you are a reader, you do not care about authors and publishers, analog and digital. You care about good stories.

VI. The first print bastion to fall will not be book, but comic publishers.

VII. Agents und publisher’s long monopoly has convinced them they know what people want to read.

VIII. Agents and publishers do not have an inkling what people want to read.

IX. The length of books does not have anything to do with artistic decisions; it is merely a function of production logic.

X. The second golden age of pulp fiction short stories is upon us.

XI. Newspapers have a size advantage over computer screens; the only advantage books have over e-readers is battery life.

XII. When you can reduce the weight of “War & Peace” by 80 percent, you have got a winner.

XIII. When you can enable people to read “The Adventures Of A Slut” unnoticed in public, you have got a winner.

Note: Okay, I know that the internet is full of manifestos these days. While the idea of adressing issues about the future of media, journalism or the internet through apodictic Moses-style prose seems to be very popular, it also can be extremely preposterous and leaves a lot to be desired; but when you think about what e-readers will do to books (as I have been frequently in the last couple of months) you realize that apart from specific business-model and technology considerations, there are quite a few very fundamental truths (okay, probably too big a word) about the impending book revolution that one might consider to be axiomatic - manifestoish stuff, sort of.

That is to say we do know a few constituting elements of the revolution to come, but not the ramifications - they are known unknowns and unknown knowns in the Rumsfeldian sense. Flatly predicting that the book as we know it will be dead in 10, 20 or 50 years is lacking in humility in my opinion, as is telling publishers precisely what they ought to do. I all sounds too much like another swankypants manifesto to me. So let’s call the above statements observations, not commandments or truths. I hope you have fun with them.

Warum wir echte Mobil-Flatrates brauchen

5 February 2010 — Debatte, Telcos, Social Media

Die Flatrate ist nicht nur ein Tarif - sie ist ein zivilisatorische Errungenschaft. Wem das zu zu sehr nach argumentativer Überhöhung klingt, der erinnere sich an das Pleistozän des Internet. Um 1997 herum saßen wir vor unseren Rechnern und gafften staunend durch ein Fenster namens Netscape in diese interessante neue Welt, oft mit halboffenem Mund und unter Verlust jeglichen Zeitgefühls. Letzteres kam den frühen Infonauten teuer zu stehen - weil die Verweildauer im Netz damals noch in Telekom-Gesprächseinheiten abgerechnet wurde.

Weil es noch keine Flatrate gab.

In den USA verbreitete sich das Internet damals viel rasanter als in Europa, und einer der Gründe, den Experten immer wieder anführten, war die Flatrate. Amerikaner mussten sich zwar ebenfalls über ein 56K-Modem bei AOL oder Compuserve einnödeln - das Tarifsystem der meisten Baby Bells sah jedoch free unlimited local calls vor, sodass es in den USA von Anfang an egal war, wie lange man im Netz hing und was man herunterlud.

Den Siegeszug des stationären Internets Mitte der nuller Jahre, als jedes Jahr mehr als eine Million Breitbandanschlüsse in Deutschland hinzukamen, begründete wieder die Flatrate. Rückblickend kann man sagen, dass das moderne Web, dieses Ich-hab-Skype-LastFM-und-Youtube-offen-und-saug-derweil-Spielfilme-Internet ohne Flatrate unvorstellbar wäre. Es ist undenkbar, dass die Glotze irgendwann ausgeht, weil man zuviel TV geschaut hat. Und es ist inzwischen genauso undenkbar, dass man mit dem Internet nicht jederzeit soviel Daten austauschen kann, wie für die persönlichen Bedürfnisse erforderlich ist.

Mit dem stationären Internet, wohlgemerkt.

Inzwischen ist das Internet mobil. Millionen von Menschen nutzen es, über iPhone, Blackberry oder Palm. Und der Ausgangspunkt war wieder einmal die Flatrate. Apple hat ein sehr gutes Smartphone entwickelt, aber wichtiger war vielleicht, dass Steve Jobs bei den großen Netzbetreibern erstmalig eine Art Datenflat durchsetzte. Seitdem explodiert die Nutzung des mobilen Internets. Davor war die Sache nicht so richtig in die Gänge gekommen, trotz flächendeckend verfügbarem UMTS-Netz.

Aber diese erfreuliche Entwicklung droht ausgebremst zu werden.

Jahrelang haben sich T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 gegen das Flatratemodell gesträubt, und sie sträuben sich immer noch. Kaum einer der heute angebotenen Datentarife ist wirklich All-You-Can-Eat; wer zuviel saugt, wird ausgebremst. Derzeit sind die Obergrenzen - zumindest bei T-Mobile und Vodafone - noch so bemessen, dass die Mehrzahl der Nutzer nichts merkt. Nur Hardcore-User bekommen mitunter eine Betreiber-SMS, die sie informiert, dass sie den Rest des Monats mit angezogener Handbremse unterwegs sein werden.

Das wird sich ändern, und zwar schon bald. Denn wir werden in Zukunft viel mehr Daten durch das Handynetz pusten, und unser Kilobyte-Kontingent wird immer öfter schon vor Monatsende aufgebraucht sein. Wir werden unterwegs dauernd Daten saugen. Googles Nexus One zum Beispiel führt wichtige Software Updates über das UMTS-Netz durch - so etwas kostet Bandbreite. Und demnächst kommen Geräte wie Apples iPad auf den Markt, die Dank größerer, besserer Screens in der Lage sind, opulentere Grafiken oder gar HD-Filme anzuzeigen.

Dann wird auf dem mobilen Gerät das gleiche gelten wie bei Rechnern mit DSL: Nämlich, dass ein Datenvolumen von 1000 MB im Monat Killefitz ist. Das reicht nicht einmal für eine einzige “Lost”-Folge aus iTunes (die in HD 1,2 Gigabyte hat). Hinzu kommt, dass Uploads immer wichtiger werden. Mein iPhone wurde von T-Mobile im Dezember erstmalig ausgebremst, und ich vermute, dass es an den zahllosen Facebook- und Posterous-Updates lag, die ich vor Weihnachten hochgeladen habe.

Wenn sich das mobile Internet ungehemmt entwickeln soll, dann brauchen wir echte Flatrates. Das Argument, dass 1000, 1500 oder vielleicht demnächst 2000 MB nun wirklich jedem reichen müssen, zählt nicht. Jede Bremse, jeder Plafond behindert den Fortschritt.

Dafür muss man die Netzbetreiber vielleicht allmählich sensibilisieren. Deshalb gibt es den 1. Deutschen Downloadtag (Facebook-Link).

Dessen Idee ist simpel: Wie wäre es, wenn jeder mobile Surfer am 1. März 2010 um 12 Uhr mittags anfängt, etwas herunterzuladen? Das würde den Mobilfunkbetreibern vielleicht einen kleinen Hinweis geben, dass sie ihre Tarifstruktur mittelfristig überdenken müssen.

Tinylink: tiny.cc/downloadtag

Auszug aus den Tarifen deutscher Mobilfunkbetreiber:

T-Mobile iPhone

“Ab einem Datenvolumen von 300 MB (Complete S, Complete 120), 1 GB (Complete M, Complete 240) oder 5 GB (Complete L und Complete 1200) wird die Bandbreite im jew. Monat auf max. 64 kbit/s (Download) und 16 kbit/s (Upload) beschränkt.”

Vodafone SuperFlat Internet

“Sie surfen mit der Vodafone SuperFlat Internet unbegrenzt … übers deutsche Vodafone-Netz im Internet. Dafür steht Ihnen bis zu einem Datenvolumen von 1 GB pro Abrechnungszeitraum eine Bandbreite von bis zu 7,2 MBit/s zur Verfügung. Ab 1 GB stehen Ihnen höchstens 64 KBit/s zur Verfügung.”

Internet-Pack-M

“Ab einer Datennutzung von über 200 MB pro Abrechnungsmonat steht nur noch GPRS-Bandbreite zur Verfügung.”

E-Plus Handy Internet Flat Option

“Ab einem Datenvolumen von 250 MB im jeweiligen Kalendermonat steht GPRS-Bandbreite (max. 56 kbit/s) zur Verfügung.”

Fünf Dinge, die am Kindle nerven

4 January 2010 — Tests, Medienmassaker, Hardware, Supergeek, E-Book / E-Reader

Nach einigen Monaten mit dem Amazon Kindle fallen mir immer mehr nervige Macken auf. Am Anfang ist so ein neues Spielzeug ja ganz toll, aber nun ist die rosarote Wölkchen-Phase vorbei und ich merke, was das Lesegerät alles nicht kann.

Das Gute vorweg: Als Buch funktioniert der Kindle sehr ordentlich. Der Store von Amazon bietet zwar nur eine relativ klägliche Auswahl, aber Kauf und Download funktionieren reibungslos. Ich habe bereits geschätzte 1000 Seiten auf dem Kindle verzehrt, zurzeit gerade die “Nebel von Avalon”, eine fette Schwarte, die dank Kindle coole 1,5 Kilo leichter wird.

Vieles nervt aber. Hier die schlimmsten Punkte.

Zeitungen & Magazine auf dem Kindle sind unfassbar mies formatiert, inaktuell und schlecht navigierbar (eine ausführliche Kritik steht hier).

Dokumente laden kostet Geld: Jeder Kindle-Besitzer bekommt eine eigene Email-Adresse im Format benutzer@kindle.com. Das ist eigentlich eine fantastische Idee, denn man kann z.B. ein längeres Dokument, das man während der Zugfahrt lesen möchte, per Email auf das Gerät pushen (lassen). Nur: Pro gepushtem Megabyte will Amazon dafür 1 Dollar haben, was die Funktion ad absurdum führt.

PDFs lesen: Meine große Hoffnung, ich könnte die ganzen kiloschweren Ausdrucke von Analystenberichten, Studien und Recherchen künftig vor eine Reise auf den Kindle laden, sind ebenfalls enttäuscht worden. Der Kindle kann zwar PDF, aber er zeigt die Dokumente einfach auf einem Screen an, der um ca. 70 Prozent kleiner ist als ein A4-Blatt - da sieht man rein gar nichts. Vergrößern ist nicht möglich.

Screen und Knöpfe: Der Bildschirm reflektiert das Leselicht ein wenig. Schlimmer ist, dass er schlichtweg zu klein ist, kleiner als ein Paperback. Der Kindle hat einen breiten Rand und eine Tastatur, die in dieser Größe kein Mensch braucht - ich benutze sie fast nie, denn meine eBücher ordere ich lieber über meinen Laptop auf Amazon.com, weil: schnellere Ladezeiten, komfortablere Suche, Farbe. Für das Keyboard wurde viel Platz verschwendet, den man für den Screen hätte gebrauchen können. Suboptimal ist zudem die Umblättern-Taste, die man jedes Mal sehr fest drücken muss. Touch wäre besser gewesen.

Kindle iPhone-App: Dieses Programm ermöglicht es, auch auf dem Telefon zu lesen. Nimmt man später wieder den Kindle in die Hand, geht es an der zuletzt gelesenen Stelle weiter. Toll, aber: Warum funktioniert das nur mit Amazon.com-Downloads? Warum nicht mit dem “Graf von Monte Christo”, den ich ganz legal als Textfile geladen und auf den Kindle übertragen habe?

Nick Bilton hat neulich die Ratings der Kindle-Reviews auf Amazon.com analysiert und kam zu dem Schluss: “Amazon’s Kindle customers aren’t getting any happier about the end product.” Man ahnt, warum das so ist.

eReader: Wie sieht das Magazin der Zukunft aus?

17 December 2009 — Tests, Medienmassaker, Wirtschaft, Printen, E-Book / E-Reader

Keiner weiß es - aber der schwedische Verlag Bonnier und die Designer von BERG haben sich einige Gedanken gemacht und dazu ein Video erstellt.


Mag+ from Bonnier on Vimeo.

Via paidContent

Der bissigste Journalistenpreis der Welt

3 December 2009 — News, Medienmassaker, Wirtschaft, Werbung, Printen

Journalisten haben eine hehre Aufgabe. Sie sollen Politikern auf den Zahn fühlen und beherzt bohren. Sie sollen Licht ins Dunkel bringen, auch in die Zwischenräume schauen, damit bisher unentdeckte Fälle von Fäulnis ans Licht kommen. Aber dabei sollen sie stets konstruktiv arbeiten und auch Brücken schlagen.

Wer das alles leistet, der hat fürwahr Anerkennung verdient. Zum Glück gibt dafür jetzt den passenden Journalistenpreis: Den “Abdruck 2010″.

Hier der zugehörige Pressetext:

ProDente Journalistenpreis “Abdruck 2010″: Zähne im Blickpunkt der Öffentlichkeit

proDente zeichnet Pressebeiträge zur Zahnmedizin und Zahntechnik aus

Bereits zum fünften Mal schreibt die Initiative proDente e.V. in 2010 den Journalistenpreis „Abdruck“ für besonderes Engagement in den Themen Zahnmedizin, bzw. Zahntechnik aus. Herausragende journalistische Arbeiten, die in 2009 zahnmedizinische und zahntechnische Themen einer breiten Öffentlichkeit allgemein verständlich zugänglich machen sollen hier geehrt werden.

Zugelassen sind alle journalistischen Stilformen wie Reportage, Feature, Hintergrundbericht.

Hmmm, ein schönes Feature über Prämolare, so etwas wollte ich schon immer mal schreiben. Oder vielleicht doch lieber eine Strähnchenreportage, mit der ich beim “Bob”, dem Journalistenpreis für die anspruchsvolle Berichterstattung über Friseurdienstleistungen abräumen kann? Schwierige Entscheidung.

Den Post des Tages liefert mal wieder der DJV

2 December 2009 — Debatte, Medienmassaker, Social Media, Printen

Das ist super. Meine Meinung: Regt Euch nicht so auf, Leute - das Freien-Blog des DJV ist doch einfach großartig!

Warum? Es ist wunderbar Gaga, hat stets viele niedliche Rechtschreibfehler (”möglicherweise ist gut so”) und tolle Metaphern (twittern, “bis das iPhone kracht”) in seinen Texten parat, ventiliert eine Menge megarandseitige Positionen und lässt sich auch durch Maulschellen im Dutzend nicht davon abhalten, weiter zu bloggen.

So viel Standhaftigkeit, soviel Entertainment, und das alles ganz umsonst.

Mir hat die Diskussion auf jeden Fall mal wieder den Tag versüßt. Wenn jetzt der Konken noch etwas Altkluges sagen würde, kurz vor Feierabend, das wäre das Sahnehäubchen.

Schräge Schilder als Video (Werbung)

23 November 2009 — News, Autos, Werbung, Social Media


Kann man kaufen.

Schöner schenken mit Amazon

22 November 2009 — Medienmassaker, Wirtschaft, Werbung

Besonders gut gefallen mir der zauselige Ehemann und “Leute, die schon alles haben”:

Werbung bizarr: Post schließt alle Filialen - wirbt aber mit 1000 Neueröffnungen

19 November 2009 — News, Medienmassaker, Wirtschaft, Werbung

Ach, die Werbung, dieser flitternde Vogel. Selten entsprechen ihre Aussagen uneingeschränkt der Wahrheit, mitunter sind sie dreiste Lügen. Und manchmal bewegen sich Werbebehauptungen im Bereich des Surrealen, wie bei der neuen Kampagne der Deutschen Post, deren Motive im Internet und auf Billboards zu sehen ist.

Dieses ist besonders schön:

1000 neue Filialen seit 2002? 15 pro Monat? Das klingt irgendwie kontraintuitiv, denn die Deutsche Post reduziert die Zahl der selbst betriebenen Außenstellen seit Jahren. Einstmals waren es Tausende, jetzt sind nur noch rund 500 übrig.

Dennoch gibt es in Deutschland aktuell etwa 14.000 Postshops, weil das Unternehmen parallel zur Schließung seit Jahren auf private Drittanbieter als Service- bzw. Franchisepartner setzt. 2011 soll es nur noch private Postfilialen geben.

Wenn aber ein rechtlich von der Deutschen Post unabhängiges Unternehmen, sagen wir, zum Beispiel ein türkischer Gemüsehändler in meiner Nachbarschaft einen kleinen gelben Counter neben seine Tomaten stellt und draußen eine Briefkasten anschraubt (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht), dann kann man - zumindest nach meinem Verständnis von Wahrhaftigkeit und Lauterkeit kaum behaupten, man eröffne selber neue Filialen.

Wenn man es tut, dann muss man zumindest sehr viel Chuzpe besitzen.

Ein Post-Sprecher erklärte auf Anfrage, der wunderlich wirkenden Werbeslogan sei “kein Widerspruch, sondern offenbar nur ein begriffliches Missverständnis”. Die Sache mit den alten, neuen, postbetriebenen und privatbetriebenen Filialen sei recht komplex, so der Sprecher, und oft werde der Sachverhalt leider nicht korrekt wiedergegeben. “Hier handelt es sich einfach um das Phänomen der Verkürzung von Meldungen in den Medien.”

Wenn das so ist, dann handelt es sich bei der Post-Werbung offenbar um das Phänomen der Verkürzung von Fakten in der PR.

Die Post behauptet übrigens, Kunden seien mit nicht von der Post betriebenen Filialen zufriedener als mit Eigenfilialen. Wenn das so ist, dann wäre es vielleicht tatsächlich besser, die gesamte Paketabfertigung nebenbei von freundlichen, fleißigen Gemüsehändlern erledigen zu lassen.

Wie wäre es dazu mit einem neuen Plakat auf dem steht: “Service ist für uns ein Versprechen, das wir durch die Schließung von 1.000 mit übellaunigen, langsamen Beamten besetzten Filialen eingelöst haben.”

Also - mich würde das ansprechen.