Die Deutsche Telekom will die DSL-Flatrate abschaffen und durch Kontingente ersetzen, wie man es aus dem Mobilfunk kennt. Das kleinstmögliche Kontingent soll 75 Gigabyte betragen.
Ist das nicht ausreichend Bandbreite? Warum die Aufregung?
Weil die Flatrate nicht nur ein Tarif ist, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft. Wem das zu zu sehr nach argumentativer Überhöhung klingt, der erinnere sich an das Pleistozän des Internet. Um 1997 herum saßen wir vor unseren Rechnern und gafften staunend durch ein Fenster namens Netscape in diese interessante neue Welt, oft mit halboffenem Mund und unter Verlust jeglichen Zeitgefühls. Letzteres kam den frühen Infonauten teuer zu stehen – weil die Verweildauer im Netz damals noch in Telekom-Gesprächseinheiten abgerechnet wurde.
Weil es noch keine Flatrate gab.
In den USA verbreitete sich das Internet damals viel rasanter als in Europa. Und einer der Gründe, den Experten immer wieder anführten, war die Flatrate. Amerikaner mussten sich zwar ebenfalls über ein 56K-Modem bei AOL oder Compuserve einnödeln – das Tarifsystem der meisten Baby Bells sah jedoch free unlimited local calls vor. Dadurch war es in den USA von Anfang an egal war, wie lange man im Netz hing und was man herunterlud.
Flatrate bedeutete Fortschritt.
Den Siegeszug des stationären Internets Mitte der Nullerjahre, als jedes Jahr mehr als eine Million Breitbandanschlüsse in Deutschland hinzukamen, begründete wieder die Flatrate. Rückblickend kann man sagen, dass das moderne Web, dieses Ich-hab-Skype-LastFM-und-Youtube-offen-und-saug-derweil-Spielfilme-Internet ohne Flatrate unvorstellbar wäre. Es ist undenkbar, dass die Glotze irgendwann ausgeht, weil man zuviel TV geschaut hat. Und es ist inzwischen genauso undenkbar, dass man mit dem Internet nicht jederzeit soviel Daten austauschen kann, wie für die persönlichen Bedürfnisse erforderlich ist.
All das wäre die Flatrate nie passiert.
Nun argumentiert die Telekom, ein unbegrenztes Datenvolumen sei für den normalen Nutzer gar nicht notwendig – die vorgesehenen Kontingente würden für so ziemlich alle vorstellbaren Anwendungen reichen. Das mag sogar stimmen – aber was ist mit den unvorstellbaren Anwendungen? Es gehört zum Wesen von neuen Technologien, dass man sie sich weder vorstellen noch sie zielgenau prognostizieren kann. Hätte man 1995 Internetuser gefragt, ob ein monatliches Datenvolumen von 1 GB für alle Zeit ausreichend sei, dann hätte die überwiegende Mehrheit wohl mit “Ja” geantwortet.
Das Lustige an dem Strategieschwenk der Deutschen Telekom: Noch vor gar nicht so langer Zeit argumentierte sie in genau die umgekehrte Richtung.
Mitte des vergangenen Jahrzehnts, als der Konzern einen neues Glasfasernetz (VDSL) baute, da forderte Unternehmenschef Kai-Uwe Ricke von der Bundesregierung für diese neue Infrastruktur Regulierungsfreiheit. Die Argumentation der Bonner ging damals ungefähr folgendermaßen:
- Wir bauen ein geiles Netz mit pornöser Bandbreite.
- Niemand kann derzeit sagen, was für coole neue Dienste darauf entstehen werden.
- Weil das alles so neu ist, muss man es juristisch als“ neuen Markt“ werten.
- Neue Märkte werden nicht reguliert.
- Deshalb darf VDSL von der Bundesnetzagentur zunächst nicht reguliert werden.
Die Telekom argumentierte damals also, man dürfe Zukunftstechnologien nicht mit Limits, Bremsen, Fußfesseln, ja: Drosselungen versehen, da man ansonsten eine viel versprechende Sache bereits abgewürge, bevor sie so richtig begonnen habe. Das gefährde den Fortschritt, den Standort Deutschland, Arbeitsplätze etc. pp,
Es sieht so aus, als wolle die Telekom von ihrer damaligen klugen Erkenntnis nun nichts mehr wissen.
Und zwar: Fan kommt zu Lesung oder Signierstunde. Am Eingang kriegt er ein Wristband als Eintrittskarte umgehängt. Auf dem Band ist eine Webadresse nebst Code aufgedruckt. Wenn er die auf, sagen wir, tomhillenbrand.de/promo eingibt, bekommt er einen eBook-Dowloadlink (einmalig).
Vielleicht ist es eine exklusive Kurzgeschichte. Oder eine Leseprobe für einen Roman, der erst in etlichen Monaten erscheint. Auf jeden Fall etwas Exklusives, das Lesungen (und damit auch den Besuch von Buchhandlungen) aufwertet.
So etwas selbst zu basteln, ist mithilfe eines cleveren Skripts und Visitenkarten von Moo gar nicht so schwierig. Wenn man coden kann, was Autoren gemeinhin nicht können.
Das Ganze funktioniert natürlich nicht nur für Bücher, sondern auch (oder sogar noch besser) für Musik. Die Seite CD Baby bietet deshalb etwas Ähnliches für MP3-Downloads an. Für Bücher hingegen gibt es das offenbar noch nicht.
Ist fast ein Geschöftsmodell. Will jemand ein kleines Startup für digitales Buchmarketing gründen? Ich stünde als (Mini-)Angel zur Verfügung.
Via Warren Ellis. Bilder: CDBABY.com
Auch in Produkten der Nestlé-Marke Buitoni ist jetzt Pferdefleisch aufgetaucht. Das für mich Erstaunliche daran: Ein Konzern mit 83,6 Milliarden Schweizer Franken Umsatz und mehr als 300.000 Angestellten ist anscheinend nicht nicht in der Lage, zu gewährleisten, dass in seinen Tortelloni ausschließlich Rindfleisch enthalten ist.
Nestlé ist der größte Nahrungsmittelhersteller des Planeten, er beschäftigt Legionen von Chemikern, und unterhält etliche Testlabors, die zu den bestausgestattesten der Welt zählen dürften. Wenn eine Organisation dieser Größe nicht in der Lage ist, die Reinheit ihrer Inhaltsstoffe zu garantieren, kann man unterstellen dass ihr entweder der Wille zu ausreichenden Qualitätskontrollen fehlt oder einige der mit der Qualitätskontrolle beauftragten Mitarbeiter ihren Job nicht richtig machen.
Denn die dritte Möglichkeit, dass nämlich einige große, lebensmittelverarbeitende Betriebe derlei Verunreinigungen (es gibt ja ähnliche Fälle z.B. bei Olivenöl oder Fisch) biligend in Kauf nehmen oder sogar bewusst beimischen, die will man lieber gar nicht in Betracht ziehen.
Dass einem bei einem Premium-Massenprodukt, und als solches würde Nestlé Buitoni ja wohl bezeichnen, so etwas durchgeht, ist meines Erachtens ebenso unverständlich wie unentschuldbar. Umso mehr, als Nestlé, ähnlich wie Unilever bei seiner Italotraditionswohlfühlmarke Bertolli, Werbeschalmeien wie diese in Welt bläst:
“At Buitoni we believe that everything that leaves our kitchen has to be extraordinary. We are committed to the artisanal philosophy of food: taking the simplest, more (sic!) healthful ingredients and artfully combining them for an extraordinary meal.”
Was kann man dazu sagen außer: Artisanal philosophy my ass.
Bildquelle: Nestlé
Sind die Likes auf Facebook wirklich alle echt? Seit das Netzwerk in meinem Stream mehr Werbung zeigt, fallen mir des öfteren Seltsamkeiten auf. Einige der gezeigten Seiten scheinen nicht zu den Personen zu passen, welche diese angeblich geliked haben.
In vielen Fällen stellt sich bei Nachfrage heraus, dass der Betreffende tatsächlich Fan von Coldplay, Lothar Matthäus oder der FDP ist. Aber nicht immer: Ein Rundruf im Facebook-Freundeskreis förderte unter anderem folgende Fälle zutage:
1. Der Social-Media-Experte B. fand in seiner Like-Liste die Seite “Need for Speed”,die er nach eigenen Angaben nie angeklickt hat.
2. Die Verlagsmitarbeiterin G. outete sich in den Streams ihrer Freunde als American-Express-Fan, gibt aber an, deren Seite nie geliked zu haben.
3. Der jazzbegeisterte Videogame-Redakteur T. fand unter seinen mageren 51 Fanpages auch den Prollrapper Denone, den er bis dato gar nicht kannte. Als er auf das Icon klickte, wurde er nach eigenen Angaben seltsamerweise direkt zu diesem Youtubevideo weitergeleitet.
Wie passiert so etwas? Mehrere Möglichkeiten sind denkbar:
1. Es handelt sich um Userfehler: Klickdemenz wäre denkbar, ferner Internet-Legasthenie oder Like-Amnesie.
2. Skrupellose SEO/Marketing-Ärsche haben eine Sicherheitslücke in Facebooks Plattform gefunden und jubeln den Nutzern nun Like-Spam unter.
3. Facebook lässt unter der Hand zu, dass sich Firmen Likes unbeteiligter Nutzer kaufen.
Das dritte erscheint mir, trotz der enormen Pressionen, die seit dem glücklosen Börsengang auf Facebook ruhen, äußerst unwahrscheinlich. Beunruhigend sind jedoch Berichte, nach denen es auch wesentlich größere Fälle gibt als das oben angeführte Kleinklein. Zum Beispiel bei Oracle, wo Nutzer ohne ihr Wissen auf Fanpages transferiert und/oder möglicherweise sogar wider Willen zu Fans gemacht wurden. In den USA zeigten im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen zudem die Profile eingefleischter Barack-Obama-Anhänger offenbar Likes für dessen Widersacher Mitt Romney an.
Momentan sieht es noch so aus, als ob sich diese Geschichten verhältnismäßig leicht aufklären ließen. Man kann das Ganze vermutlich auf ein paar schwarze Schafe unter den Marketern zurückführen.
Mein Gefühl ist dennoch, dass diese Sache viel größer wird. Denn das Kernproblem ist nicht irgendein Black-Hat-Marketer. Das Kernproblem ist, dass Facebook beschlossen hat, seine Nutzer in dieser Weise zu verkaufen. Durch die neuerdings aggressiv in den Streams, dem sanctum sanctorum der Site, präsentierten Anzeigen wird der User wider Willen zu einem Testimonial gemacht.
In dieser Weise für Werbung benutzt zu werden, das ist etwas völlig anderes, als im Freundeskreis mit einem einzeiligen Like-Statusupdate aufzutauchen.
Facebook muss dringend höhere Werbeeinnahmen und effektivere Anzeigen vorweisen, da viele die Ads des Netzwerks für ineffektiv halten. Und darum ballert der Zuck unsere Streams nun mit diesen Usertestimonials voll. Ich glaube, das ist ein großer Fehler. Denn unabhängig davon, ob jemand eine Seite tatsächlich geliked hat oder nicht, ist es ihm möglicherweise unangenehm, in einer derart prominent platzierten Werbeanzeige aufzutauchen.
Sicherlich steht irgendwo in den Nutzungsbedingungen, dass Facebook das alles darf. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sich viele Nutzer instrumentalisiert fühlen werden.
Da köchelt was. Wer das nicht glaubt,der muss nur auf die Fanpage von Oracle schauen.
Nachtrag: Wen Ihr so geliked habt, könnt Ihr unter http://www.facebook.com/EUER_WERTER_NUTZERNAME/favorites sehen.
Wir schreiben das Jahr 2026 und die Verlagsbranche befindet sich in hellem Aufruhr. Grund dafür ist das neue Buch von J. K. Rowling, das morgen erscheint. Über zehn Jahre lang hatte die Britin nichts mehr von sich hören lassen. Nun meldet sie sich mit einem neuen Harry-Potter-Band zurück.
Die Zahl der Vorbestellungen übertrifft alles bisher da gewesene.
Dennoch herrscht eine seltsam unterkühlte Stimmung. Es gibt anders als bei früheren Rowling-Launches keine Schlangen vor den Buchläden, keine Spontanfeiern aufgekratzter Potter-Nerds in den Innenstädten. Und das liegt natürlich am technischen Fortschritt.
Jeder für sich alleine sitzen die Muggels diesmal daheim auf den Sofas, die E-Reader fest umklammert. Sie alle warten darauf, dass um Punkt 00.01 ihr Gerät piept und den Vollzug des Downloads von “Harry Potter und die Sphinx mit den achtzehn Ohren” ankündigt.
Klingt irgendwie unwahrscheinlich? Ist es auch. Wenn es noch einmal ein Buchereignis wie Harry Potter geben sollte, dann wird es mit Menschenaufläufen einher gehen, E-Reader hin, Zukunft her. Denn immer wenn etwas die Leute berührt, sehnen sie sich nach einem Ort, an dem sie ihre Begeisterung ausleben, an dem sie diese gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter erfahren können.
Wäre dem nicht so, dann gäbe es schon lange keine Live-Lesungen mehr, sondern nur noch Hörbücher und Youtube-Streams; ferner keine Konzerte und auch keine Public Viewings bei der WM.
Technologie führt nicht zu Vereinzelung oder Vereinsamung. Wie wichtig es selbst im Digitalen verwurzelten Menschen ist, für ihre Passion einen physischen Ort zu haben, wurde mir neulich bewusst, als ich am Leidseplein in Amsterdam vor dem dortigen Apple Store stand. Er befindet sich in einem neoklassizistischen Gebäude, das früher das berühmte Nobelkaufhaus Hirsch & Cie. beherbergte und gilt als der schönste seiner Art in Europa.
Physischer Einzelhandel ist kontraintuitiv
Es war Samstag und das Geschäft war brechend voll. Aber wieso eigentlich? Die Idee, physische Geschäfte zum Verkauf von Computern und Musikdownloads zu betreiben, ist ja eigentlich ziemlich widersinning.
Dank seines überragenden Erfolgs mögen uns die Apple Stores heute schlüssig erscheinen. Aber als Steve Jobs 1999 zusammen mit Ron Johnson das Konzept dafür zu entwickeln begann, hielten die meisten Experten die Idee für bekloppt bis bescheuert.
Denn Apple besaß bereits ein Vertriebsnetz: Elektromärkte, Kaufhäuser und Spezialhändler wie Gravis. Zudem hatte das Unternehmen lediglich ein halbes Dutzend verschiedene Produkte im Sortiment. Was sollte man in solch einem Store also bitteschön ausstellen? Zudem verkaufte Apple seit 1997 seine Produkte über einen Onlineshop. Lag nicht eher dort die Zukunft des Einzelhandels?
Art Levinson, einer von Apples Aufsichtsräten, erinnerte sich laut Jobs’ Biograph Walter Isaacson später: “Ich kratzte mich am Kopf und dachte mir: Das ist doch Wahnsinn.”
Heute wissen wir, warum Apples Läden so erfolgreich sind. Nämlich letzlich aus demselben Grund, aus dem es immer noch Public Viewing und Rockkonzerte gibt: Jene Menschen, die sich für Apple begeistern, sehnen sich augenscheinlich nach einem physischen Ort, an dem sie ihre Marke erleben können. Sie möchten die Geräte anfassen, obwohl sie diese im Internet vermutlich bereits x-mal von allen Seiten beäugt haben. Und sie möchten andere Menschen treffen, die sich ebenfalls für Apple interessieren.
Was hat das alles mit Buchläden zu tun?
Man sollte dieses Verhalten nicht mit einem utilitaristischen Raster zu begreifen versuchen. Sondern vielleicht besser mit anthropologischen: Die Besucher des Apple Stores vollziehen letztlich eine rituelle, eine kultische Handlung. Spötter würden sagen: Die Apple-Jünger gehen in den Markentempel und beten.
Was hat das mit Buchläden zu tun? Eine ganze Menge. Ich treibe mich wöchentlich in Buchgeschäften herum, obwohl es dazu, ganz nüchtern betrachtet, eigentlich überhaupt keinen Grund gibt. Ich könnte jedes der dort angebotenen Bücher bei Amazon bestellen oder es auf meinen E-Reader herunterladen.
Wenn man nicht gerade eine langjährige, persönliche Beziehung zu einem belesenen Buchhändler hat, gibt es, wie im Apple Store, keinen augenscheinlichen Nutzen für den Kunden. Aber irgendetwas umweht einen dort, ein zartes Fluidum, dieses wunderbare Gefühl, umringt zu sein von Büchern, von mehr Literatur, als man in seinem ganzen Leben verdauen kann. Man darf ungehindert stöbern, man entdeckt Unerwartetes, atmet Buchluft, gemeinsam mit anderen Mitgliedern jener Minderheit, die sich Buchliebhaber nennt.
Womit wir wieder bei der kultischen Handlung wären.
Nun ist es aber so, dass der Siegeszug des Books unaufhaltsam voranschreitet – zumindest legt die Statistik dies nahe. Man weiß nicht genau, wie schnell die Sache vonstatten gehen wird. Sie könnte rasant verlaufen, wie bei dem einen Analog, der Musik-Cd. Sie könnte sich aber auch in die Länge ziehen, wie bei dem anderen Analog, der Tageszeitung.
Wenn es irgendwann nicht mehr die heutige Fülle von Buchläden gäbe, verlöre das Buch seine physischen Orte, seine Tempel. Das wäre schrecklich. Die Frage ist, was man dagegen tun kann. Das Erfreuliche an der Zukunft ist ja, dass sie noch formbar ist. Zumindest sollte man sich das täglich einreden, denn sonst wird man wahnsinnig.
Wie müsste der Buchladen der Zukunft aussehen, damit Literaturfans dort auch im Zeitalter der Digitalisierung noch hingehen?
Einladend müsste er sein
Der Buchladen der Zukunft müsste nicht nur Bücher verkaufen, sondern eine umfassende Book Experience. Wie ein Apple Store dürfte er wohl nicht aussehen (zu hell, zu viel Glas, zu viel Weiß). Aber vielleicht so, wie Starbucks-Filialen aussahen, bevor die Kaffeekette ihre Seele verlor – oder wie ein hanseatischer Herrenclub, mit dunklen Holzpanelen und bequemen Sesseln.
Die Ausgestaltung des Dekors ist letzlich Geschmackssache. Sicher hingegen ist, dass der Buchladen der Zukunft dem Besucher das Gefühl vermitteln muss, dass in ihm die Zeit ein bisschen stillsteht, dass man hier Literatur atmen kann, ohne auf die Uhr zu schauen.
Was diesem Idealbild aus meiner (vermutlich romantisierenden) Sicht am nächsten kam, war seltsamerweise die untergegangene US-Buchkette Borders. Sie galt vielen Buchfans als “Third Place”, als Oase in der Stadt, als Ort, wo man hinging, verschnaufte und stöberte. An der Innenarchitektur der Geschäfte kann das nicht gelegen haben.
Banale Randbemerkung: Zur Book Experience gehört, neben guter Innenarchitektur, die Fokussierung auf Bücher. Ansonsten wird es nichts mit den ätherische Fluidum von großer Literatur, das den Kunden umwehen soll. Bienenwachskerzen und Gartenharken müssen ebenso draußen bleiben wie Aktionsstapel und Kinderspielzeug.
Genies gesucht
In den Apple Stores gibt es die so genannte Genius Bar, an der sich der Kunde von geschultem Personal Fragen beantworten lassen kann. Dort sitzen echte Nerds, die alles über die Produkte wissen.
In guten Buchhandlungen gibt es diese Genies bereits heute. Sie heißen Buchhändler. Leider vermarkten viele von ihnen ihre Sachkompetenz nicht offensiv genug. Im Buchladen der Zukunft gibt es die Buchwurm-Bar, an der belesene Experten bereitstehen.
Statt sich sein nächstes Buch von einem Amazon-Algorithmus vorschlagen zulassen, fragt der Kunde den Book-Genius, der auf eine bestimmte Literaturgattung geeicht ist. Der für ein Thema zuständige Experte hat nicht nur alles gelesen, was man im Fantasy- oder Krimi-Genre lesen kann; er besitzt zudem Zugriff auf das virtuelle Buchregal des Kunden und kann sehen, was darin steht – und wie er es bei Goodreads, Twitter oder Facebook bewertet hat. Diese Kombination von Fachwissen und Big Data generiert tolle Empfehlungen.
Der Genius könnte zudem technische Schützenhilfe leisten – falls sich beispielsweise ein Buch nicht von einem Reader auf den anderen transferieren lässt, was auch im Jahr 2026 noch nicht reibungslos funktioniert.
Papier oder eBook?
Dem Buchladen der Zukunft ist es wurscht, ob der Kunde Papier oder Bits bevorzugt. Aber er wird ganz sicher weiterhin physische Bücher vorhalten, ganz egal, wieviel Prozent seines Umsatzes diese ausmachen. Richtige Bücher gehören einfach dazu, so wie Poloschläger in einem Ralph-Lauren-Laden. Dass sie möglicherweise kaum einer der Kunden je verwendet, ist zweitrangig.
Was jedoch nicht heißt, dass die Bücher bloße Staffage sind. Vielleicht werden physische Exemplare in der Zukunft stets vom Auto handsigniert, und es gibt sie ausschließlich im Buchladen. Vielleicht kommen die gedruckten Bücher auch in einer besonderen Ausstattung, die sie von den eBooks abhebt.
Eine weitere wichtige Funktion der physischen Exemplare: Wer in einen Buchladen geht, der will stöbern. Aber wie stöbert man in E-Books? Mir ist bewusst, dass dies bei Amazon bereits heute technisch möglich ist, aber die Sache erscheint wenig lustvoll.
Vielleicht sind die physischen Exemplare im Buchladen der Zukunft nur noch zum Stöbern da? Entscheidet man sich für den Kauf, hält man seinen Reader oder sein Handy gegen den Buchrücken, wodurch per NFC automatisch der Kauf ausgelöst und das Buch übertragen wird. Der Buchhändler bekommt dafür vom Verlag eine Kommission.
Vielleicht könnten die Buchläden der Zukunft zudem “Ausprobierzonen” sein: Solange man sich innerhalb des Geschäftes befindet, darf man auf seinem Reader in beliebig vielen eBooks lesen, umsonst, solange man möchte. Das würde einen zusätzlichen Anreiz schaffen, den physischen Laden zu besuchen.
Viele Vorleser
Lesungen müssten in solch einem Laden eher täglich denn wöchentlich stattfinden. Es müsste viel fester im Bewusstsein der Leser verankert werden, dass der Buchladen jener Ort ist, wo man Autoren trifft und über Literatur diskutiert. Die klassische Autorenlesung wäre aber nur ein Aspekt. Regelmäßige Vorlesestunden für Kinder, Vorträge über skandinavische Krimis, Promis, die ihre fünf Lieblingsbücher vorstellen, Schreibworkshops – das alles könnte helfen, den Buchladen als den Ort zu verankern, an dem lebendige Buchkultur erfahrbar ist.
Der Haken an der Sache
Viele der oben skizzierten Ideen erscheinen vielleicht interessant, aber betriebswirtschaftlich nur schwer umsetzbar. Wie soll ein kleiner Buchhändler das wuppen? Oder müssten das eventuell die Verlage übernehmen? Die haben das Problem, dass sie nicht über so starke Marken verfügen wie Apple oder Ralph Lauren. Man kann sich zudem kaum vorstellen, dass es einen Diogenes-Flagshipstore gibt, der dem Umberto-Eco-Fan sagt: “Ham wa nich. Nur Suter und Hammett.”
Das mag alles stimmen. Aber bevor wir mit der Erbsenzählerei beginnen, müssen wir erst einmal ein paar Ideen entwickeln, wie wir Leser weiterhin für Buchläden begeistern können. Denn Bücher verdienen weiterhin einen eigenen Ort, oder besser noch: einen Tempel.
Gerade habe ich die aktuellen Absatzzahlen meiner Bücher bekommen. Und dabei festgestellt, dass Ebooks fast keine Rolle spielen. Aber das wird sich ändern, vermutlich schneller als manchem lieb ist.
Deshalb habe ich mir ein paar steile Thesen zum Thema eBook überlegt ( bitte dazu auch den Disclaimer am Ende beachten). Viel Spaß damit. Außer Ihr seid Buchhändler. In diesem Fall gilt: Mein aufrichtiges Beileid
1. Die Buchläden werden (fast alle) sterben.
Fangen wir gleich mit der aus meiner Sicht betrüblichsten Prognose an: Es wird in 20 Jahren praktisch keine Buchhandlungen mehr geben. Wenn man mit Buchhändlern spricht, halten diese entgegen, ihre Läden erfüllten eine wichtige Funktion bezüglich Beratung, Vertrieb und so weiter. Buchläden seien außerdem eine kulturelle Errungenschaft. Das stimmt alles, aber im Wesentlichen galt das auch für Plattenläden – und für denen gibt es praktisch keine mehr (wenn man übrigens 1985 behauptet hätte, die Plattenläden verschwänden, hätten einen alle für verrückt erklärt, außer vielleicht Tim Renner).
2. Alle Bereiche des Buchmarkts werden digital.
Wie jede von einem Medienumbruch bedrohte Branche hat auch die Buchbranche stets Ausreden parat, warum es sie nicht so hart treffen wird wie die Musikindustrie, die Zeitungen etc. Eine ihrer Lieblingsausreden ist, der Trend zu Ebooks werde sich nicht oder erst sehr spät auf hochwertige Literatur auswirken.
Nach dieser Denkart wird die Digitalisierung nur Krimis, Mystery oder Fantasy erfassen. “Es würde doch niemand Michael Chabon auf dem Kindle lesen”, sagte mir neulich ein Buchmensch.
Das Argument ist erstens irrelevant, weil hochwertige Literatur nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes ausmacht; es darüber hinaus falsch. Denn wenn es stimmte, dann würden die Leute auch weiterhin Mahler-Symphonien auf Vinyl kaufen und Visconti-Streifen auf VHS.
Davon ab: Habe neulich Homers Ilias auf dem Kindle gelesen. Ist dort genauso zäh wie als Reclamheft.
3. Beratung wandert komplett ins Internet.
Mit den Plattenläden verschwand auch der nette Typ hinter den Drehtellern, der einem sagen konnte welche Bands so ähnlich klingen wie Camper Van Beethoven. Das sah mal wie ein Problem aus, rückblickend hat sich jedoch gezeigt, das spezialisierte Portale wie laut.de diese Beratungslücke problemlos füllen können, flankiert von Social-Media-Empfehlungen über Spotify, Facebook oder Turntable.fm.
Im Buchmarkt wird die Entwicklung genauso verlaufen. Erstens, weil es, siehe oben keine Buchhändler mehr geben wird, an die man sich wenden könnte. Zweitens, weil ein nicht unerheblicher Teil der Buchverkäufe schon heute auf persönlichen Empfehlungen basiert. In gewisser Weise sind Bücher seit jeher ein Social-Media-Markt par excellence, in dem vieles über persönliche Recommendations geht. Goodreads ist der Vorreiter: Dieses Leseportal hat mir in drei Monaten mehr sinnvolle Empfehlungen geliefert als die Buchhändler in meinem gesamten Leben.
4. Die Unterscheidung zwischen Hard- und Softcover ist tot.
Auf den Kindle sieht jedes Buch gleich aus. Es wird deshalb schwieriger, ja unmöglich, werden, dem Leser zu vermitteln, warum er für eine bestimmte Ausgabe mehr bezahlen soll. Für Hardcover blecht man ja auch nicht wegen des schicken Pappdeckels extra, sondern wegen des early access.
Theoretisch erscheint es denkbar, dass man den Preis für Bestseller auch bei digitalen Formaten staffelt, so wie es teilweise bei neuen US-Fernsehserien auf iTunes der Fall ist, die zunächst $50 kosten und später noch $20.
Das erscheint mir aber unrealistisch. Denn es wird nur das illegale Kopieren befeuern. Man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass ein Buch aufgrund der winzigen Datenmenge viel leichter zu downloaden ist, als ein Album oder gar ein HD-Film.
Die Erfahrung zeigt, dass Kunden immer dann zu Schwarzkopien greifen, wenn man ihnen etwas vorenthält, das sie gerne hätten – siehe “Game of Thrones”, Staffel zwo. Zu glauben, dass Millionen von Lesern auf den nächsten Teil von Harry Potter warten, obwohl die Datei (zu einem exorbitant hohen Earlybird-Preis) bereits verfügbar ist, das ist naiv. Die Folge wird sein: One price fits all.
5. Die Ausstattung von Printbüchern wird edler.
Um überhaupt noch totes Holz verkaufen zu bekommen, werden die Verlage genau wie die Musikindustrie zu opulenten Aufmachungen greifen. Wer in zehn Jahren noch Game-of-Thrones-Printbücher verticken will, der sollte besser eine DIN-A-1-Karte von Westeros beilegen, sowie einen Satz Aufkleber mit den Wappen der wichtigsten Häuser. Because Winter Is Coming.
6. Kleine geile Verlage entstehen.
Während es den Buchhändlern an den Kragen geht, werden viele neue Verlage entstehen. Das liegt daran, dass wie bei allen Branchen, die vom Internet durchdrungen werden, die Grenzkosten sinken und die Einstiegsbarrieren wegfallen. Jeder unzufriedene Lektor eines Großverlags kann demnächst seinen eigenen Verlag für bretonische Literatur des Mittelalters gründen. Dazu benötigt er nur einen Laptop. Und Übersetzer, die Bretonisch können.
7. Die Taktung wird höher werden.
Jeder Autor, der sein (zweifelsohne brillantes) Werk bei seinem Verlag abgibt, ärgert sich in den folgenden Monaten schwarz, dass sein völlig fehlerfreier, dramaturgisch perfekter und auch ansonsten makelloser Text nicht schneller der darauf gespannt wartenden Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht wird.
Sarkasmus beiseite: Es gibt natürlich gute Gründe dafür, dass zwischen Manuskriptabgabe und Veröffentlichung Zeit verstreicht. Ein nicht unerheblicher Teil dieser fünf oder sechs Monate ist jedoch dem Umstand geschuldet, dass es Vertreterkonferenzen gibt, dass die Buchhändler ( vor allem die Ketten) zu dem Titel befragt werden, dass Bestellungen eingesammelt werden müssen.
Wenn es aber keine Buchhändler mehr gibt und die physische Herstellung des Buches wegfällt, bleiben im Wesentlichen Coverdesign, Lektorat, Schlussredaktion, Satz. Da eigentlich alle an dem Buch Beteiligten aus wirtschaftlichen Gründen ein Interesse daran haben, dass es eher heute als morgen Erlöse generiert, wird sich der Produktionsprozess rapide beschleunigen.
8. Autoren werden mehr publizieren.
Fast jeder Autor hat auf seiner Festplatte unveröffentlichtes Material – Essays, Kolumnen, Kurzgeschichten. Das ist Zeug, das heutzutage in der Regel kein Verlag haben will (außer der fragliche Schriftsteller ist entweder sehr berühmt oder sehr begnadet).
Da die meisten Autoren eher knapp bei Kasse sind, werden sie verstärkt darüber nachdenken, all diese Inhalte direkt bei Amazon oder über volldigitale Spezialverlage zu publizieren. Liegt ja sonst nur rum.
9. Es wird viele Trent Reznors geben.
Im Musikmarkt ist Trent Reznor (“Nine Inch Nails”) das Paradebeispiel dafür, wie man seinem Plattenlabel irgendwann den Finger zeigt und dazu übergeht, alles selbst zu machen. Mit Selbstmachen meine ich nicht, dass der Schriftsteller auch noch Manager und PR-Fuzzis werden. Aber die Stars der Branche, die mit ihren Titeln mehrere Millionen Umsatz im Jahr generieren, werden sich irgendwann überlegen, ob es für sie nicht gewinnträchtiger wäre, ihren Lieblingslektor direkt bei sich anzustellen, dazu ihren Agenten und ihren PR-Berater und dann alles im Eigenverlag zu machen. Angesichts der Tatsache, dass der Autor vom Verkaufspreis eines Buches selten mehr als 10 oder 12 % bekommt, ist das Incentive, dies zu tun, riesig.
10. Auslandsausgaben werden im Inland produziert.
Aus kulturellen Gründen ist es etwa für deutsche oder französische Autoren schwierig, auf dem englischsprachigen Markt zu reüssieren. Was die Sache noch vertrackter macht, ist der Umstand, dass man für die englische Ausgabe eines Buches heutzutage immer einen amerikanischen oder britischen Partner benötigt. Der kauft von dem deutschen Verlag die Rechte und kümmert sich um Übersetzung und Vermarktung.
In einem voll digitalen Vertrieb ist dieses Modell jedoch passé. Denn die Markteintrittskosten sind nun vernachlässigbar; niemand hindert den deutschen Verlag (oder den Autor selbst) daran, ein Buch selbst zu übersetzen und via iTunes und Amazon.com weltweit zu vermarkten.
Selbst bei einem Titel, dem man keine allzu großen Chancen auf dem englischsprachigen Markt einräumt, wird es in Zukunft sinnvoll sein, auf gut Glück eine Übersetzung auf den Markt zu werfen. Denn der angelsächsische Markt ist gigantisch und in Wahrheit weiß ja sowieso niemand, warum Bücher Erfolg haben.
Eine Übersetzung kostet lediglich ein paar Tausend Euro, das Einstellen des digitalen Buches bei Amazon ist umsonst und der Titel ist nun für eine halbe Milliarde Leser abrufbar. Es ist billig,es ist chancenreich und darum werden es alle machen.
Disclaimer: Prognosen basieren auf Annahmen. Und diese Annahmen sind fast immer falsch. Als McKinsey in den Achtzigern für AT&T untersuchen sollte, ob sich ein Einstieg in den jungen Mobilfunkmarkt lohnt, da lautete das Ergebnis: bloß nicht. McKinsey prognostizierte nämlich, der weltweite Markt werde anno 2000 etwa eine Million Geräte umfassen. Ich hoffe, ich liege mit den eBooks nicht ganz so weit daneben.
Der Börsenverein des Buchhandels, bisher in der Urheberrechtsdebatte nicht durch besondere Einsicht oder Konzilianz aufgefallen, frisst mächtig Kreide. Nicht alles, was dessen Chef Alexander Skipis sagt, würde ich unterschreiben (vor allem Punkt 3 zeugt von einer gewissen technischen Unkenntnis), aber hier mal einige Zitate, bei denen man nur sagen kann: Hört, hört!
Das Urheberrecht (hat mit) der Lebenswirklichkeit und den Gesetzen der Internetkommunikation immer weniger zu tun.
Ich denke an den Literaturfan, der zwei Seiten aus einem Roman auf seine Facebook-Seite stellt, um den Text mit seiner Community zu diskutieren. Solange wir Fälle wie diesen für verfolgungswürdig halten, reden wir einem Urheberrecht das Wort, das die Urheber nicht nur schützt, sondern ihnen indirekt auch schadet.
Es ist offensichtlich geworden, dass das Urheberrecht in bestimmten Bereichen vor allem der sozialen Kommunikation im Netz die Entfaltung von Kreativität eher behindert als fördert.
Bisher senden wir vorwiegend Verbotsbotschaften aus. (…) Wir sollten der Öffentlichkeit darlegen, dass der Schutz des geistigen Eigentums die Voraussetzung überhaupt für die Entfaltung jeglicher Kultur ist und damit für ein vielfältiges und hochwertiges kulturelles Angebot, an dessen Qualität und Verbreitung die Verlage maßgeblichen Anteil haben.














