300 Dollar fürs virtuelle Wohnzimmer

26. Juni 2006 Schreibe einen Kommentar

Thomas Hillenbrand, Seoul
28 June 2006
Financial Times Deutschland

Ein Viertel aller Südkoreaner tummelt sich auf dem Portal Cyworld. Dort bauen sie für viel Geld virtuelle Heimstätten. Nun will die Deutsche Telekom das Konzept kopieren

Wer Valerie Kim kennen lernen will, muss nicht mit ihr sprechen – ein Klick auf die Homepage der Koreanerin genügt. Dort steht, welche Musik die Medienmanagerin aus Seoul gern hört, was sie gerade liest und wer ihre Freunde sind. Auch die unterhalten sämtlichst eigene „Minihompys“ bei Cyworld, dem erfolgreichsten Community-Portal der Welt. „Man muss so eine Seite einfach haben“, sagt Kim, „sonst gehört man nicht dazu und lernt niemanden kennen.“

Nach Angaben von SK Telecom, dem führenden koreanischen Mobilfunkkonzern und Betreiber von Cyworld, besitzen 92 Prozent der koreanischen Twens eine Minihompy – ein Viertel der Gesamtbevölkerung ist dem Webtrend verfallen.

Auch in den USA und Großbritannien erfreuen sich Portale wie Myspace großer Popularität. Vor allem junge Webnutzer verlagern einen wachsenden Teil ihrer sozialen Aktivitäten auf das Netz. Menschen, deren Profil einem zusagt, lassen sich per Mausklick in die eigene Freundesliste übertragen.

Verglichen mit Cyworld sind die meisten westlichen Social-Networking-Portale allerdings kleine Fische: „Pro Tag wird unsere Webpage 600 Millionen Mal aufgerufen“, sagt Byung-Hwi Shin, der bei Cyworld für die Geschäftsentwicklung zuständig ist. Damit hat das Portal zehnmal so viel Klicks wie T-Online, das Internetangebot der Telekom. Die extrem hohe Zugriffszahl erklärt sich damit, dass viele Koreaner mehrere Stunden täglich auf Cyworld verbringen.

Das Anlegen einer eigenen Minihompy ist kostenlos. Wer seine Seite jedoch ansprechend gestalten möchte, muss zahlen: Ein farbiger Hintergrund kostet umgerechnet etwa 1 $ – pro Woche. Die Nutzer können zudem ihr virtuelles Haus bauen und einrichten. Ein ansprechendes digitales Interieur kann leicht mehr als 300 $ verschlingen. „Pro Tag setzen wir mit diesen virtuellen Produkten etwa 200 Mio. Won um“, sagt Shin – das entspricht mehr als 200 000 $. Knapp 80 Prozent der Erlöse kommen aus dem Bereich „digitale Gegenstände“, nur zwölf Prozent aus Anzeigenumsätzen. Aufs Jahr gerechnet erlöst Cyworld schätzungsweise 90 Mio. $.

Mehrere europäische Unternehmen wollen das Modell kopieren. Shin zufolge liegen Cyworld etliche Anfragen vor. Noch in diesem Jahr soll der Dienst in Deutschland starten. Dazu hat SK Telecom mit T-Venture, der Beteiligungsgesellschaft der Telekom, den Aufbau einer Gemeinschaftsfirma vereinbart. „Das Unternehmen befindet sich derzeit im Gründungsstadium“, erklärte T-Venture-Chef Georg Schwengler gegenüber der FTD.

Ob die Deutschen tatsächlich bereit sind, für ihre Webseite Hunderte Euro auszugeben? Einen Versuch ist es wert. Shin zufolge soll sich die teutonische Cyworld-Version vor allem an junge Frauen richten. „Und sie wird nicht ganz so bunt sein. Auf die Deutschen wirkt die koreanische Optik zu verspielt und zu unreif“, glaubt er. Valerie Kim aus Seoul hat damit keine Probleme: „Ich mag Cyworld. Aber ich habe auch viele Freunde bei Myspace. Deshalb unterhalte ich bei beiden Diensten eine eigene Seite.“



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *