Leichte Beute

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11 April 2007
Financial Times Deutschland
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Wenn die Telekom ihre Eigenständigkeit bewahren will, muss sie sich rasch einen Partner suchen. Eine Allianz mit Russlands Sistema birgt Risiken, ist aber die beste Option. Von Thomas Hillenbrand

Gern weisen Manager der Deutschen Telekom darauf hin, was für ein dicker Fisch ihr Unternehmen ist. Trotz Kundenexodus – der Konzern ist einer den zehn größten Dax-Werte und nach Umsatz immer noch Europas führender Telefonkonzern. Die Zahlen täuschen jedoch darüber hinweg, dass die Bonner im weltweiten Maßstab zunehmend bedeutungslos sind. Nach Börsenwert ist die Telekom mit mickrigen 56 Mrd. Euro nur noch der neuntgrößte Telekommunikationsanbieter der Welt. In den Wachstumsmärkten Indien, Russland, Südamerika oder China sind die Deutschen überhaupt nicht vertreten. Zehn Jahre nach dem Börsengang ist die Telekom kein Global Player, sondern ein angeschlagener europäischer Spieler mit US-Außenstelle.

Hunger ist gut

Während Spaniens Telefónica oder der US-Riese AT&T in den letzten Jahren auf Zukäufe setzten, hielten sich die Bonner vornehm zurück. Das war, wie sich jetzt herausstellt, ein Fehler: Die Börse goutierte die Strategie der aggressiven Akquisiteure mit hohen Bewertungen. AT&T etwa hat heute eine Marktkapitalisierung von schwindelerregenden 183 Mrd. Euro. Die Telekom dagegen wurde von den Investoren für ihr Festhalten am Status quo abgestraft – und hat jetzt Probleme, die T-Aktie als Akquisitionswährung einzusetzen.

Vorstandschef René Obermann muss jetzt zügig handeln. Mittelfristig wird nur eine deutlich größere Telekom als eigenständiges Unternehmen überleben. Die Gefahr ist real, dass der Konzern von einem Konkurrenten geschluckt wird. Wie schnell so etwas gehen kann, zeigt der Fall Telecom Italia, bei der AT&T einsteigen will. Noch vor wenigen Wochen hätten die meisten in der Branche darauf gewettet, dass die Amerikaner auf ihrer Seite des Atlantiks bleiben. Doch AT&T-Chef Ed Whitacre, der bereits eine Shoppingtour im Umfang von 150 Mrd. $ absolviert hat, will nach Europa expandieren. Inzwischen erscheint denkbar, dass auch der US-Konzern Verizon (Börsenwert 82 Mrd. Euro), China Mobile (Börsenwert 136 Mrd. Euro) oder andere Nichteuropäer hierzulande aktiv werden.

Die Telekom ist aus der Ferne betrachtet einer der interessantesten Übernahmekandidaten in Europa: Ihr Aktienkurs liegt am Boden. Sie verfügt über ein stabiles Kerngeschäft. Der Käufer bekäme in den drei Schlüsselmärkten Deutschland, Großbritannien, USA einen Fuß in die Tür. Obermanns Möglichkeiten, einem derartigen Albtraumszenario zuvorzukommen, sind begrenzt. Er kann entweder in Schwellenländern zukaufen oder eine „Fusion unter Gleichen“ mit einem der anderen Europäer anstreben. Unklugerweise hat der neue Telekom-Chef seinen Spielraum zuletzt selbst eingeengt, indem er die zweite Option kategorisch ausgeschlossen hat. Im Ausland will Obermann nach eigenen Aussagen höchstens Mobilfunker kaufen; Ex-Monopolisten oder Festnetzanbieter kommen nicht in Betracht.

Also die Schwellenländer. Dummerweise hat der Rest der Branche bereits vor Jahren begriffen, dass Handynetzbetreiber in Indien und anderswo hohes Wachstum versprechen. Der Markt ist weitgehend leer gekauft, ein später Einstieg wäre teuer.

Damit bleiben realistischerweise nur der Nahe Osten und Russland. So könnte sich die Telekom bei Ägyptens Orascom einkaufen. Das Unternehmen ist in etlichen arabischen und afrikanischen Ländern aktiv. Dadurch gewönne Obermann 46 Millionen Kunden hinzu. Allerdings hat die Telekom in dieser Region keinerlei Erfahrung. Zudem wäre das Unterfangen mit erheblichen Risiken verbunden: Orascom betreibt Netze in Algerien und im Irak, da sind starke Nerven gefragt.

Als optimale Fortführung der bisherigen Telekom-Auslandsstrategie erscheint hingegen ein Bündnis mit Russlands Sistema. Dem Mischkonzern gehört MTS, der mit über 60 Millionen Kunden größte Mobilfunker des Landes. Da die Telekom bereits in Polen, Ungarn und auf dem Balkan aktiv ist, würde ein Bündnis mit MTS gut passen. Mit rund 140 Millionen Handykunden stiege der deutsche Konzern zum führenden Mobilfunkanbieter vom Atlantik bis zum Ural auf – eine Story, die auch an der Börse gut ankäme.

Auf nach Osten

Ein weiterer wesentlicher Vorteil der Russenoption: Sistemas Hauptaktionär, der Oligarch Wladimir Jewtuschenkow, ist ganz versessen auf ein Zusammengehen mit den Deutschen. Mehrfach haben seine Legaten bereits in Bonn und Berlin vorgesprochen. Jewtuschenkow würde sich zudem in T-Aktien auszahlen lassen und auf Bargeld verzichten. Wenn die Russen im T-Boot säßen, würde zudem die Wahrscheinlichkeit sinken, dass jemand anderes bei der Telekom einsteigt. Ein Kreml-naher Oligarch im Aufsichtsrat schreckt Angreifer besser ab als jede mühsam ersonnene Poison Pill.

Im Kanzleramt herrscht Unbehagen angesichts der Vorstellung, ein russischer Milliardär könne Großaktionär bei der Telekom werden. Angesichts der politischen Entwicklungen in Russland ist die Skepsis verständlich. Doch Obermann und sein staatlicher Haupteigner müssen sich überlegen, was schlimmer ist: eine freundliche Beteiligung der Russen – oder eine feindliche Attacke der Amerikaner oder Chinesen.



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