Wie Facebook uns wider Willen zu Testimonials macht

13. November 2012 Schreibe einen Kommentar

 

Sind die Likes auf Facebook wirklich alle echt? Seit das Netzwerk in meinem Stream mehr Werbung zeigt, fallen mir des öfteren Seltsamkeiten auf. Einige der gezeigten Seiten scheinen nicht zu den Personen zu passen, welche diese angeblich geliked haben.

In vielen Fällen stellt sich bei Nachfrage heraus, dass der Betreffende tatsächlich Fan von Coldplay, Lothar Matthäus oder der FDP ist. Aber nicht immer: Ein Rundruf im Facebook-Freundeskreis förderte unter anderem folgende Fälle zutage:

1. Der Social-Media-Experte B. fand in seiner Like-Liste die Seite „Need for Speed“,die er nach eigenen Angaben nie angeklickt hat.

2. Die Verlagsmitarbeiterin G. outete sich in den Streams ihrer Freunde als American-Express-Fan, gibt aber an, deren Seite nie geliked zu haben.

3. Der jazzbegeisterte Videogame-Redakteur T. fand unter seinen mageren 51 Fanpages auch den Prollrapper Denone, den er bis dato gar nicht kannte. Als er auf das Icon klickte, wurde er nach eigenen Angaben seltsamerweise direkt zu diesem Youtubevideo weitergeleitet.

Wie passiert so etwas? Mehrere Möglichkeiten sind denkbar:

1. Es handelt sich um Userfehler: Klickdemenz wäre denkbar, ferner Internet-Legasthenie oder Like-Amnesie.

2. Skrupellose SEO/Marketing-Ärsche haben eine Sicherheitslücke in Facebooks Plattform gefunden und jubeln den Nutzern nun Like-Spam unter.

3. Facebook lässt unter der Hand zu, dass sich Firmen Likes unbeteiligter Nutzer kaufen.

Das dritte erscheint mir, trotz der enormen Pressionen, die seit dem glücklosen Börsengang auf  Facebook ruhen, äußerst unwahrscheinlich. Beunruhigend sind jedoch Berichte, nach denen es auch wesentlich größere Fälle gibt als das oben angeführte Kleinklein. Zum Beispiel bei Oracle, wo Nutzer ohne ihr Wissen auf Fanpages transferiert und/oder möglicherweise sogar wider Willen zu Fans gemacht wurden. In den USA zeigten im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen zudem die Profile eingefleischter Barack-Obama-Anhänger offenbar Likes für dessen Widersacher Mitt Romney an.

Momentan sieht es noch so aus, als ob sich diese Geschichten verhältnismäßig leicht aufklären ließen. Man kann das Ganze vermutlich auf ein paar schwarze Schafe unter den Marketern zurückführen.

Mein Gefühl ist dennoch, dass diese Sache viel größer wird. Denn das Kernproblem ist nicht irgendein Black-Hat-Marketer. Das Kernproblem ist, dass Facebook beschlossen hat, seine Nutzer in dieser Weise zu verkaufen. Durch die neuerdings aggressiv in den Streams, dem sanctum sanctorum der Site, präsentierten Anzeigen wird der User wider Willen zu einem Testimonial gemacht.

In dieser Weise für Werbung benutzt zu werden, das ist etwas völlig anderes, als im Freundeskreis mit einem einzeiligen Like-Statusupdate aufzutauchen.

Facebook muss dringend höhere Werbeeinnahmen und effektivere Anzeigen vorweisen, da viele die Ads des Netzwerks für ineffektiv halten. Und darum ballert der Zuck unsere Streams nun mit diesen Usertestimonials voll. Ich glaube, das ist ein großer Fehler. Denn unabhängig davon, ob jemand eine Seite tatsächlich geliked hat oder nicht, ist es ihm möglicherweise unangenehm, in einer derart prominent platzierten Werbeanzeige aufzutauchen.

Sicherlich steht irgendwo in den Nutzungsbedingungen, dass Facebook das alles darf. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sich viele Nutzer instrumentalisiert fühlen werden.

Da köchelt was. Wer das nicht glaubt,der muss nur auf die Fanpage von Oracle schauen.

Nachtrag: Wen Ihr so geliked habt, könnt Ihr unter http://www.facebook.com/EUER_WERTER_NUTZERNAME/favorites sehen.



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