Buchsponsoring durch Industrielle: Ein Insider packt aus

20. Dezember 2011 3 Kommentare

Als mehrfacher Buchautor möchte ich im Fall „Maschmeyer bewirbt Wulff“ gerne ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Denn hier wird etwas hochgekocht, was eigentlich schon lange kalter Kaffee ist. Worum geht es? Der Gründer des Finanzdienstleisters AWD hat für Wulffs Buch „Besser die Wahrheit“ Werbung für rund 42.700 Euro spendiert. Manfred Bissinger, Geschäftsführer Corporate Publishing bei Wulffs Verlag Hoffmann und Campe sagt dazu:

„Wir haben damals verschiedene Unternehmer, unter anderem Carsten Maschmeyer angesprochen, ob sie sich an der Vermarktung des Buchs beteiligen würden. Das ist in der Verlagsbranche üblich und ein absolut normaler Vorgang.“

Und jetzt regen sich da manche auf, das sei ja ungewöhnlich, hanebüchen gar. So etwas sei überhaupt nicht normal, vielmehr habe es ein Geschmäckle. Diesen ahnungslos aufgeregten Leuten rufe ich entgegen: Ihr habt ja überhaupt keine Ahnung, wie die Buchbranche funktioniert.

Es läuft folgendermaßen: Die Verlage haben kein Geld, weil sie jeden Cent an ihre Autoren weitergeben. Es ist folglich völlig logisch, dass sich Verleger oder Lektoren vor Buchveröffentlichungen um Sponsoren bemühen. Fundraising ist deren second nature. Auch das Beuteschema dieser literarischen Mendikanten ist einleuchtend. Es sind nun halt einmal vor allem russische Oligarchen, Kölner Betonbarone und ex-schnauzbärtige niedersächsische Versicherungsmilliardäre, die sich für Literatur interessieren. Das sind Schöngeister, Menschen, die sich daran erfreuen, wenn zarte Prosa ungehemmt erblühen kann.

Vor dem Erscheinen meines ersten Buchs rief der Verlag sieben saudische Scheichs an, neun Dax-Chefs sowie den Sultan von Brunei. Ferner Warren Buffett und Carlos Slim. Dadurch kam genug Geld zusammen, um insgesamt zwölf Mal vor der Tagesschau einen Einminüter schalten zu können.

Und das Tollste daran: Keiner dieser großzügigen Kulturfreunde wollte eine Gegenleistung – keine Widmung im zweiten Buch, keinen Assistenten des Kommissars mit seinem Namen. Nicht mal ein signiertes Exemplar wollten die haben.

Der Maschmeyer hat übrigens, so kann man hier nachlesen, bereits andere wesentliche Kulturgüter unterstützt. So hat er angeblich die Rechte an der Biografie Gerhard Schröders erworben. Auch das finden manche jetzt seltsam, doch auch hier kann ich als alter Medienhase Entwarnung geben. Völlig normal. Nur eine Politikerbiografie besitzt der? Lächerlich. Friedrich Karl Flick hatte mindestens zwanzig in der Tasche.




3 Kommentare

  • M. R. Genz sagt:

    Es ist nicht unüblich, dass bestimmte Bücher, gerade solche mit neoliberaler Stoßrichtung, flächendeckend an politische Funktionsträger und Institutionen verschenkt werden.

    Ich erinnere mich an ein Buch von Hugo Müller-Vogg, strammer Neoliberaler, damals noch FAZ-Mitherausgeber, seit einigen Jahren BILD-Kolumnist. Sein Machwerk trug den Titel „Unsere unsoziale Marktwirtschaft“, die Botschaft: Alles, was wir normalerweise unter sozial verstehen, sei eigentlich unsozial, denn es schade uns allen. Typischer Neusprech also nach dem Muster „Krieg ist Frieden“. Dieses Buch wurde meines Wissens an sämtliche politische Funktionsträger bis hin zum Kleinstadtbürgermeister in ganz Baden-Württemberg versandt, natürlich kostenlos.

    Wer bezahlt so etwas eigentlich?


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