Fünf Dinge, die man aus den Patzern von Google+ lernen kann

10. November 2011 5 Kommentare

google plus logo

Anfangs war ich, wie die meisten Techies, von Google+ verzaubert. Das Design schien so clean, Facebook wirkte dagegen wie Myspace anno 2008. Die Idee mit den Circles war hübsch. Und der Umstand, dass meine Followerzahl (unergründlicherweise) schneller stieg als der Dax nach einer Leitzinssenkung, bediente meine Eitelkeit.

Inzwischen bin ich eher genervt. Bald ein halbes Jahr gibt es Google+ jetzt. Seitdem warte ich auf jene Features und Upgrades, die das noch etwas unausgegorene Social Network (SN) voll nutzbar machen würden. Hallo Mountain View, kommt da noch was?

Slate hat kürzlich schon einen Nachruf auf Google+ geschrieben. Halte ich für leicht übertrieben. Ich glaube, es zuckt noch. Aber möglicherweise nicht mehr allzu lange, wenn Google in der Weiterentwicklung dieser guten Idee weiter so uninspiriert und schildkrötenartig vorgeht. Vielleicht wird’s ja noch. Auf jeden Fall kann man aus den Patzern von Google+ meines Erachtens ein paar Sachen lernen:

1. Beta ist tot: Alles als Beta zu bezeichnen, das war so eine nerdige Web-2.0-Sache. Auch Google+ wurde als Beta deklariert – also als mit Fehlern behaftetes Produkt, nicht ausgereift, ohne sämtliche eigentlich notwendigen Feeatures. Irgendjemand bei Google hat da wohl nicht mitgekriegt, dass webbasierte Anwendungen inzwischen ein Massenphänomen sind – ein Consumer Product. Die Erwartungshaltung des Massenpublikums ist aber, dass ein Produkt von Anfang an perfekt zu sein hat. War es aber nicht. Wer in den Massenmarkt will, muss statt Beta RTM anbieten. Mindestens.

2. APIs sind Pflicht, nicht Kür: Die Schnittstellen sollten bei Google+ später kommen. Nach bald einem halben Jahr fehlen sie immer noch. Damit ist die Software ein bisschen wie ein Auto, das man ohne Lenkrad geliefert bekommt – mit dem Versprechen, das werde irgendwann nachgeliefert. Man kann sich reinsetzen, aber nicht fahren. Und so darf man auf Google+ rumhängen, die antediluvianische Fülle von Einträgen der Herren Scoble und Kawasaki lesen – zu Posterous, Instagram oder Twitter crossposten kann man nicht. Im Rückblick war es ziemlich arrogant zu glauben, man könne ein neues SN etablieren, dass nicht von Anfang an mit den wichtigsten existierenden Diensten verzahnt ist.

3. Nicht unter dem Industriestandard bleiben: Man muss nicht der erste sein, sondern nur der beste. Selbst wenn einem das zu phrasenhaft erscheint – als Angreifer darf Google Plus zumindest nicht unter dem Standard (i.e., Facebook) bleiben. Tut es aber. Die neuen Pages sind das beste Beispiel. Es handelt sich um standardisierte Seiten, nach deren Ansicht man sich fragen muss, warum Mountain View für diese lahme Kopie von Facebook Pages über vier Monate gebraucht hat. Offenbar kann man nicht einmal mehrere Admins ernennen, eigenes HTML ist auch nicht.

4. Nicht trödeln: Apropos Kopieren – Facebook brauchte nur zehn Wochen, um das Circle-Feature von Google+ zu stibitzen und zu implementieren. Bei Google+ ist über vier Monate nach dem Start featuremäßig noch nichts Wesentliches passiert.

5. Lasst 1000 Blumen blühen: Wenn man ein komplexes technisches System bereitstellt, ist man oft überrascht, was die User damit anstellen. Das gilt für das gesamte Internet, aber auch für SNs. Als G+-User Accounts mit Pseudonymen oder Firmenseiten anlegten, ging Google sofort dazwischen. Ein Riesenfehler: All jenen,die geglaubt hatten, Google+ sei eine große neue Spielwiese mit dem anarchistischen Potenzial von Twitter, wurde so signalisiert, dass es sich vielmehr um einen Englischen Rasen mit Stiefmütterchen-Rabatten handelt. Eine „Macht doch,was Ihr wollt“-Philosophie wäre dem Projekt vermutlich dienlicher gewesen.

Update: Ein sehr guter Artikel über die UI-Probleme von G+ findet sich hier.



5 Kommentare

  • Peter Wisegard sagt:

    Naja, scheinst wohl enttäuscht zu sein. Wie von der Lady, die ihre Koffer schnappt und auszieht. Also, das Google+ Ding läuft doch erst ganz kurz und das auch noch in der Beta. Hast du noch in Erinnerung, wie Facebook nach 6 Monaten aussah? Sich zu einem solchen Urteil herab zulassen. Oder bezahlt dich Facebook?


  • Thomas sagt:

    Ich würde sagen: Geduld. Es ist schon eine bemerkenswerte Leistung, innerhalb weniger Monate ein so großes SN aus dem Boden zu stampfen. Die geforderten Features werden kommen. Ist doch noch genügend Zeit.



  • @peter Mich bezahlt fürs Bloggen gar keiner. Das ist ja nicht das Produkt irgendeines Drei-Mann-Startups in SF. Wir reden von Google. Da darf man schon etwas mehr erwarten, finde ich.


  • simonnickel sagt:

    Also ich stimme dir da vollkommen zu. Für ein kleines Startup ist eine Beta verzeihbar, ja sogar erwünscht, man will schließlich als „Early Adopter“ den Dienst mit prägen und ihn im Laufe der Entwicklung in sein Herz schließen. Bei Google läuft das aber anders, vor allem mit dem erklärten Ziel einem riesen wie Facebook das Wasser abzugraben.

    Da geht es um den Massenmarkt, der lässt nicht gerne mit sich herumspringen. Der Zulauf der Masse ist der Punkt an dem ein Dienst unter Beweis stellen muss, dass er was taugt. Der Hype hätte da besser ausgenutzt werden müssen.

    Ich habe immernoch Hoffnung, dass es irgendwann mal meine Erwartungen erfüllt. Aber eigentlich will ich bei einem Unternehmen wie Google nicht hoffen müssen, ich will zufrieden sein.


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