Kambrium oder Kollaps?

27. Oktober 2011 2 Kommentare

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Die gerade viel diskutierte These in Sachen Buchmarkt ist, leicht überspitzt, folgende:

Die vordigitalen Verlage vereinen in sich die pathologische Realitätsverweigerung der Musikindustrie und die gnadenlose Selbstüberschätzung der Zeitungsbranche. Deswegen droht ihnen unweigerlich der Tod (nach langem, qualvollen Siechtum).

In Kürze wird es dieser These zufolge praktisch gar keine Verlage mehr geben. Nach dem Verlagssterben werden Autoren ihre Buchstaben entweder selbst durch die Datenpipe pusten. Oder Jeff „The Devourer“ Bezos wird es für sie tun, als erster, einziger und letzter volldigitaler Verleger des Planeten.

Glaub‘ ich nicht.

Was sicherlich stimmt, ist, dass Buchverlage so pfadabhängig sind, dass es jedem technologieaffinen Menschen weh tun muss. Als das Ebook noch nicht da war (aber man schon ahnte, das es bald kommen würde), da sagten sie: „Niemand will Mankell auf einem Bildschirm lesen.“

Als Amazon mehr Ebooks als Papierbücher verkaufte, erwiderten sie: „Na und? Ob wir unsere Bücher auf Papier verkaufen oder digital, das ist doch gehupft wie gesprungen.“

Als Amazon eigene Verlage gründete, erklärten sie: „Die köcheln auch bloß mit Wasser.“

All diesen Paraphrasen ist gemein, dass sie als Stichtagsbetrachtungen absolut zutreffen, jedoch von geringer Halbwertzeit sind. Denn wenn einen das Internet eines lehrt, dann ist es das: Das Web ermöglicht es, eine Dienstleistung oder ein Produkt zu niedrigeren Grenzkosten anzubieten als zuvor im Meatspace. Es reißt außerdem stets die Eintrittsbarrieren für neue Marktteilnehmer nieder. Die Erfahrung lehrt, dass deshalb plötzlich ganz neue Spieler auftauchen. Und die begnügen sich nie damit, das vorhandene, vordigitale Geschäftsmodell zu digitalisieren. Sie erfinden es neu, from the ground up.

Für die etablierten Verlage mag das eine schlechte Nachricht sein, siehe Zeitungsbranche. Aber für die Buchbranche, diese kulturell enorm wichtige Branche, ist es eine großartige. Denn es werden, glaube ich, bald viele neue Verlage entstehen. Sascha Lobo hat sehr richtig erkannt, dass Autoren meist nur schreiben wollen und überhaupt keinen Bock auf den ganzen anderen Kladderadatsch haben, der für ein Buch notwendig ist (mal abgesehen davon, dass sie das meiste davon auch gar nicht könnten, selbst wenn sie es wollten). Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man ist als Autor schon allein genug, und einen guten Verlag zu haben, der einen unterstützt und an einen glaubt, ist Gold wert.

Michael Arrington hat bei Techcrunch einst darüber sinniert, wie die Kostenstrukturen der NYT aussähen, gründete man sie heute komplett neu. Man kann das gleiche Gedankenspiel für Verlage anstellen. Sobald der Vertrieb volldigital ist (das dauert ja nicht mehr soo lange), dann ändert sich das Spiel völlig: Jeder motivierte junge Verleger kann dann einen geilen kleinen Verlag auf die Beine stellen. Er braucht nur ein paar gute Gehirne und DSL. Er muss sich nicht mehr mit Buchhandelsvertretern oder Druckereien herumschlagen. Er kann sich auf das Wesentliche konzentrieren: Guten Autoren helfen, hervorragende Bücher zu machen und diese dann an den Mann zu bringen.

Ich bin mir sicher, dass es da draußen eine Menge frustrierte Großverlagslektoren  gibt, die genau darüber nachdenken. Genauso wie sich Nachrichtenbereich mit Politico, Techcrunch oder Huffpost komplett neue Spieler etabliert haben, wird es auch bei den Bücher laufen. Mit dem Ergebnis, dass es vielleicht in zehn Jahren mehr Verlage geben wird als heute. Was ziemlich cool wäre. Also bitte nicht zu sehr über Jeff Bezos aufregen. Der hat ja mal gesagt: „Heutzutage is das Internet so was, wie die Explosion im Kambrium vor 550 Millionen Jahren.“ Vielleicht gibt es ja bald ein Kambrium für Bücher. Am besten gleich einen geilen Verlag gründen. Es gab nämlich nie eine bessere Zeit, Verleger zu werden als heute.



2 Kommentare

  • Günter Born sagt:

    Ich muss gestehen, dass ich deinen Thesen so einiges abgewinnen kann – alleine, Du schriebst etwas über Stichtagsbetrachtungen und Halbwertszeiten. Von daher mag es so kommen oder auch nicht – spannend bleibt es allemal.

    Wo ich aber so meine Probleme habe, ist der von dir angerissene Punkt „Das Web erlaubt … ein Produkt zu niedrigeren Grenzkosten anzubieten“. Ist unterm Strich richtig – die spannende Frage am Ende des Tages ist aber: Wie hoch sind für mich als Autor/Verlag die Kosten für den Titel xyz und wie viele Exemplare dieses Titels kann ich zum Preis y absetzen.

    Die Fixkosten für die Buchproduktion bis Druck fallen ja beim Internet Publishing (bei ehrlicher Rechnung) nicht weg. Lediglich die Grenzkosten wären bei digitalem Content a la eBook (wenn ich nichts übersehen habe) gleich 0 bzw. entsprächen dem Anteil, den dein Vermarkter (Amazon, Apple etc.) abzwackt. Nur beim Publishing on Demand oder beim Vertrieb gedruckter Bücher sind noch zusätzliche Grenzkosten vorhanden.

    Dies gilt zwar auch heute schon – aber da setzen die Verlage den Preis fest, in der Hoffnung, die Kosten mit den Einnahmen zu kompensieren und auch Gewinn zu machen. Momentan läuft die generelle Diskussion aber in die Richtung „Bücher sind sowieso zu teuer – und wann kommen eBooks beim Preis von 0,99 bis 1,99 Euro, die ich für Songs oder Apps im iTunes-Store zahle, an, denn der Druck fällt ja weg“.

    Wenn mir mal gelegentlich Zahlen von Media Control unter die Augen kommen, schaue ich auf die Auflagenhöhen – und da kann ich nicht erkennen, wie man mit den Auflagenhöhen vieler Titel auch angesichts auf einen grünen Zweig kommen will. Also läuft’s auf bezuschusste „Liebhaberei“ hinaus – oder es wird der Entschluss fallen „ein Buch was die Welt nicht braucht, also lassen wir es einfach unter den Tisch fallen“. Mag bei Belletristik etwas einfacher sein, an den Erfolg zu glauben. Aber die Statistik der Masse spricht leider eine deutliche Sprache.


  • westernworld sagt:

    „Sascha Lobo hat sehr richtig erkannt, dass Autoren meist nur schreiben wollen und überhaupt keinen Bock auf den ganzen anderen Kladderadatsch haben, der für ein Buch notwendig ist (mal abgesehen davon, dass sie das meiste davon auch gar nicht könnten, selbst wenn sie es wollten). “

    komisch, beim gemeinen arbeitnehmer ist herrn lobo nicht aufgefallen das er auf seine schöne neu welt der permanenten selbstvermarktung vielleicht gar keinen bock hat und es wäre nach seiner lesart auch völlig irrelevant den sie kömmt ja mit quasi naturgesetzlicher kraft auf uns zu.

    aber bei einer berufsgruppe zu der der feine herr lobo selbst gehört nimmt der weltgeist in binär sicher rücksicht auf befindlichkeiten.


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