Das Pesto-Prinzip oder: Warum ich an der Lebensmittelindustrie verzweifle

 

Jedes Mal, wenn es wieder einen Lebensmittelskandal gibt oder eine unappetitliche Sache ans Licht kommt, hofft man, dass es danach besser wird – dass die Produzenten von Lebensmitteln lernfähig sind. Aber leider ist das eine hoffnungslose Hoffnung. Folgendes Beispiel illustriert das.

Ich liebe Pesto. Und bin mit dieser Vorliebe ich nicht allein, im Gegenteil. Diese Nudelsoße, die vor 20 Jahren in Deutschland kaum einer kannte, hat seitdem einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Nur Tomatensoße ist populärer.

Und mit dem Siegeszug, wie das bei Lebensmitteln so oft der Fall ist, begann eine ziemlich degoutante Geschichte, leider symptomatisch für die Lebensmittelindustrie von heute.

Marcella Hazan, die Grande Dame der authentischen italienischen Küche, drückt es so aus: “Pesto may have become more popular than is good for it.”

Die genuesische Soße besteht aus wenigen Zutaten. Damit sie schmeckt, müssen diese sehr guter Qualität sein. Der Begriff “Pesto Genovese” ist zwar nicht geschützt, aber es ist halbwegs Konsens, was hineingehört. Man kann es in Hazans Standardwerk nachlesen. Die Zutaten sind:

Frisches Basilikum
Erstklassiges Olivenöl
Knoblauch
Pinienkerne
Butter
Käse (Pecorino, möglichst Fiore Sardo; ferner Parmigiano Reggiano)

Und sonst nichts. Bis ich bei Foodwatch las, dass die von mir präferierte Pesto von Bertolli kaum Olivenöl enthält (sondern … andere Öle) und außerdem Kartoffelflocken als Füllstoff, aß ich stets Fertigpesto. War praktisch, ging schnell, die perfekte Soße zu meinem hektischen Leben.

Nachdem ich dann im Supermarkt zum ersten Mal die Inhaltsangabe studierte, kaufte ich nie wieder Pesto aus dem Glas. Das war im September 2008.

Bertolli, eine Marke des Unileverkonzerns, bekam wegen dieser Nummer damals in den Medien richtig Feuer. Mich persönlich ärgerte das Ganze maßlos, ich fühlte mich als Verbraucher getäuscht. Vorne stand etwas von feinstem nativen Olivenöl drauf, hinten wurde dann erklärt, dass sich zu den 2 Prozent Olivenöl 98 Prozent unspezifiziertes “pflanzliches Öl” gesellen.

Deshalb schrieb ich damals an Bertolli und bekam eine längliche (wenn auch vorgefertigte) Antwort. Den ganzen Text habe ich hier gepostet, die Kernaussage war:

“Ein wirklich traditionell italienisches Pesto aus frischem Basilikum, Pinienkernen, Parmesan, Salz, Knoblauch und Olivenöl in unserer angebotenen Größe (würde) zwischen 8 und 9 Euro kosten – wer soll und kann das ausgeben?”

Da ich mir seit einiger Zeit mein Pesto selber mache, habe ich gewisse Zweifel an dieser Rechnung. Die notwendigen Zutaten (preislich relevant sind ja im wesentlichen Basilikum, Öl, Pinienkerne und Käse) bekomme ich in einem normalen Supermarkt sowie beim türkischen Gemüsehändler für etwa 10 Euro.

Damit vermag ich in etwa die Menge herzustellen, die in einem handelsüblichen Pestoglas ist – eher sogar etwas mehr. Jetzt muss man aber ja wohl davon ausgehen, dass ein Riesenkonzern wie Unilever aufgrund von Großhandelspreisen und Mengenrabatten die Zutaten billiger bekommt – vielleicht für die Hälfte.

Der gesunde Menschenverstand sagt einem folglich, die Behauptung, unter 9 Euro könne man hochwertige Pesto gar nicht anbieten, nicht ganz hinkommt. (Update: Darauf deutet auch der Umstand hin, dass es durchaus bessere, preiswertere Industriepesto gibt).

Aber viel wichtiger ist folgendes, weil es zeigt, wie Lebensmittelkonzerne leider denken: Eigentlich müsste eine Firma wie Bertolli, die sich auf eine fast 150-jährige Tradition beruft, meines Erachtens an die Produktion hochwertiger Lebensmittel folgendermaßen herangehen: Unser Produkt kostet, was es eben kosten muss. Wenn es sich nur mit Schrottzutaten realisieren lässt, dann machen wir es nicht.

Tja. Das würde man tun, wenn man unbedingt dem Premiumgedanken verpflichtet ist. Bertolli hingegen argumentiert: “Wir sind ein Massenkonsumgüterhersteller und wollen daher möglichst vielen Verbrauchern bezahlbare Markenartikel anbieten.” Form follows function also, oder unfeiner gesagt: Nur der Preispunkt zählt.

Lange kaufte ich parallel zur Bertolli-Pesto auch deren Olivenöl. Ich verband mit der Marke eben irgendwie Premium. Sollte ich ja auch. Auf der Bertolli-Seite heißt es: “Das Geheimnis liegt in der Komposition der ausgesuchten Olivenöle, die mit Sorgfalt ausgewählt werden. Sie garantieren den typischen Geschmack und die hohe Qualität.”

Nach der Erfahrung mit der kartoffeligen Pesto fragte ich mich jedoch: Wenn jemandem als Nudelsoßenhersteller authentische italienische Küche wurscht zu sein scheint – kann er dann als Olivenölhersteller ein qualitätsbewusster Purist sein?

Vielleicht. Mir ist an dem Bertolli-Öl nie etwas Negatives aufgefallen. Dann kaufte ich vor zwei Jahren auf Kreta im Supermarkt Olivenöl. Es kam in einer billigen Plastikflasche daher, für 1,79 Euro, die weiße Marke der Supermarktkette Ariadne. Das Öl war eine Offenbarung, schmeckte mir um Längen besser als das 7-Euro-Öl von Bertolli – oder irgendein anderes deutsches Supermarktolivenöl.

Das gab mir erneut zu denken. Ich bin kein Gourmettester und auch keine Lebensmittelchemiker, aber zumindest nach meinem persönlichen Empfinden war die Sache damit klar: Einem Kreter kann man kein zweitklassiges Olivenöl vorsetzen und auch kein überteuertes. Einem Deutschen schon. Und er zahlt dafür auch noch richtig Geld. Im Marketing nennt man so etwas “die Konsumentenrente abschöpfen”.

Ich würde gerne mal wissen, ob sie den Leuten in Genua auch Pesto mit Kartoffelflocken verkaufen.

Nach dem medialen Furor war ich mir sicher, dass Unilever bestimmt etwas ändern würde. Über die “volle Packung Lug und Trug” (Spiegel Online) und den “Bluff im Supermarkt (Weser-Kurier) berichteten damals Dutzende Medien. Spon-Kolumnist Ulrich Fichtner erboste sich:

“Man kann in unserer Welt jeden Möbelhändler, der einem ein Plastiksofa als echte Ledercouch andreht, verklagen. Es ist selbstverständlich, dass ein Auto wirklich 100 PS haben muss, wenn der Hersteller behauptet, es habe 100 PS. Für unser Essen gilt das in vielen Fällen nicht. Der Etikettenschwindel ist die Regel.”

Wenn ich in meinem Bekanntenkreis heute Menschen frage (meist Besseresser), dann sagen sie mir, dass sie “diese widerliche Pestopampe aus dem Glas” nicht mehr kaufen. Die Aufregung hat also etwas gebracht, richtig? Und Unilever hat bestimmt die Rezeptur geändert?

Auf seiner Homepage schreibt Bertolli heute über seine Pesto:

Pesto Verde in Premiumqualität wird nach traditioneller Rezeptur nur aus erlesenen, hochwertigen Zutaten und BERTOLLI extra vergine Olivenöl zubereitet. Aromatisches Basilikum, Grana Padano Käse (italienischer Hartkäse), Pinienkerne und BERTOLLI extra vergine Olivenöl.

Diese Woche war ich im Supermarkt, und schaute mir die Bertolli-Pesto im Nudelregal an. Und siehe da – es scheint tatsächlich etwas geändert worden zu sein. Auf dem Etikett steht zum Beispiel vorne nichts mehr von Pinienkernen.

 

Aber laut dem Etikett auf der Rückseite enthält die Pesto Verde immer noch Kartoffelflocken, Cashews und 98 Prozent unspezifiziertes “pflanzliches Öl”. Um ganz sicherzugehen, habe ich nochmal bei der Pressestelle nachgefragt. Und die teilte mit:

“Die Zusammensetzung unseres Produkts Pesto Verde von Bertolli ist nach wie vor so wie bisher. Es gab und gibt für uns keinen Anlass, etwas daran zu verändern”

Update: Das Wirtschaftsmagazin WISO kommt in einem Test zu dem Ergebnis, dass Bertollis Ölivenöl kein extra vergine sei, wie auf dem Etikett behauptet (Unilever widerspricht).