Ist Weniger das neue Mehr?

27. Mai 2010 Schreibe einen Kommentar

Neulich war ich auf der Internetkonferenz next10. Die Qualität der Vorträge war durchwachsen, einer lässt mir jedoch keine Ruhe: Der von Ben Hammersley. Der Brite ist Editor at Large bei „Wired“ und arbeitet für eine Kreativagentur. Er erzählte von seinen Eindrücken in Sachen iPad.

Allen, die glauben, das iPad werde die Printmedien retten sagt Hammersley: Das Ding macht alles erst einmal noch schlimmer. Warum? Weil es den Konkurrenzdruck massiv erhöht. Schon jetzt ist es ja so, dass der „Kleckersdorfer Anzeiger“ wegen des Internet mit der „New York Times“, der BBC sowie Blogs, Youtube, Suchmaschinen etc. konkurrieren muss.

Demnächst, prohezeit Hammersley, werde das iPad dafür sorgen, dass der Wettbewerbsdruck weiter steigt. Dank des Formfaktors und des hervorragenden Displays konvergierten darauf alle Medien. Dann werde noch stärker als bisher gelten, dass Printmedien auch mit TV & Co. im Wettbewerb stehen.

Das tun sie natürlich schon heute. Aber mit dem iPad verhält es sich meiner Ansicht nach ein bisschen wie mit einem Jahrmarkt mit Dutzenden Attraktionen: Jedes mal, wenn der Konsument sein Tablet in die Hand nimmt, wird er sich die Frage stellen, ob er jetzt wirklich Zeitung lesen soll. Oder ob er nicht lieber Comics anschaut, Fernsehen guckt oder Baseballstatistiken wälzt. Das ist nämlich möglicherweise viel kurzweiliger, und nur einen Fingerwisch weit entfernt.

Von der „FAZ“ zu RTL umzuswitchen, stellte bisher einen Medienbruch dar. Jetzt funktioniert der Wechsel ohne Unterbrechung. Hammersley formuliert es so:

„You have to make your content really really beautiful. Otherwise you are screwed.“

Wenn er recht hat (ich würde glauben: er hat), muss man sich als Printheini ein bisschen fürchten. Denn Zeitungen oder Newssites sind im besten Fall: klug, originell, überraschend, intellektuell stimulierend, informativ. Aber schön?

Die Nutzer nach Vorstellung der Verlage zudem nicht nur einen Teil ihrer begrenzten iPad-Facetime für digitale Zeitungen reservieren – sie sollen dafür auch noch ordentlich latzen. Wenn man bei gestiegener Konkurrenz also den gleichen bzw. einen noch höheren Preis durchdrücken will, was muss man dann machen?

Eigentlich einfach: Als Tablet-Content kommt nur richtig dicke Suppe in Frage. Denn für Maggi-Fix zahlt erstens keiner und zweitens will die dünne Suppe auch umsonst niemand, wenn der Tisch so opulent gedeckt ist.

Das ist interessant, den zumindest bei Onlinepublikationen ging der Trend in den vergangenen Jahren ganz klar in Richtung immer mehr Geschichten und damit immer mehr Klicks/Visits. Das war für den Nutzer erfreulich, denn er bekam ein umfassenderes, bunteres Nachrichtenangebot. Und „All the news that’s fit to print“ ist darüber hinaus ja auch ein hehrer journalistischer Ansatz.

Aber in erster Linie standen hinter dieser Mehr-Logik natürlich steigende Anzeigenerlöse. Klicks ließen sich nach einer jahrelangen Durststrecke plötzlich monetarisieren. Das Phänomen ist aus dem
Printbereich bestens bekannt. Im Jahr 1999 hatte etwa die „Wirtschaftswoche“ bis zu 400 Seiten. Die IT-Bibel „The Industry Standard“ war damals so dick wie ein Telefonbuch.

Das hatte nichts damit zu tun, dass die Informationsnachfrage oder das Nachrichtenaufkommen gestiegen waren. Sondern schlichtweg damit, dass man irgendwie all die Anzeigen unterbringen musste, mit denen die Kunden die Verlage zupflasterten (ach, damals!).

Nach der gleichen Logik verfuhrendie meisten Onlineseiten während des Werbebooms der Jahre 2005-2008. Mehr Stories; mehr Bildergalerien; mehr mehr.

Wenn die Inhalte aber jetzt „beautiful“ werden sollen, wenn die Suppe dicker werden muss, dann kann das ja eigentlich nicht so weiter gehen. Man darf vermuten, dass kaum ein Verlag wegen des iPad 50 zusätzliche Leute einstellt. Die einzige andere Möglichkeit wäre folglich, dass die bestehenden Redaktionen mit der gleich großen Mannschaft weniger, aber dafür schönere Geschichten produzieren. Die man wirklich lesen will. Für die man zu zahlen bereit ist.

Ob das passiert? Ob Weniger das neue Mehr ist? Das wird auf jeden Fall interessant.



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