Wie die Zeitungsbranche ihr Debüt auf Amazons Kindle versemmelt

10. November 2009 16 Kommentare

Seit etwa zwei Wochen besitze ich einen Amazon Kindle. Als elektrisches Buch macht er mir viel Freude. Zurzeit nehme ich meinen Kindle allabendlich mit ins Bett und lese auf ihm „Conan the Cimmerian“.

Nur als Zeitung ist er eine große Enttäuschung.

E-Reader sollen, das hoffen zumindest viele Verlagsmanager, die Zeitung retten. Auf den ersten Blick erschien mir das Gerät als Papierersatz recht viel versprechend. Auf dem Kindle gibt es derzeit 56 Zeitungen, darunter „New York Times“, „Mainichi Shinbun“ und „Le Monde“.

Die Titel kann man einzeln kaufen oder abonnieren. Dazu reicht ein Klick, die Zeitung wird dann über die Mobilfunkverbindung des Kindle binnen Sekunden auf das Gerät gepusht.

Dass Menschen für ihre NYT wieder zwei Dollar berappen, statt sie umsonst im Netz zu lesen, ist natürlich eine große Chance für die Verlage. Mein erster Eindruck ist: Sie nutzen sie nicht. Kaum eines der auf dem Kindle erhältlichen Blätter scheint sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht zu haben, wie es seine Inhalte für den E-Reader optimieren kann. Stattdessen werden die Papierausgaben 1:1 übertragen.

Das Elend fängt bei der Optik an. Fotos sehen auf elektronischem Papier, gelinde gesagt, bescheiden aus. Sie wirken wie Schwarz-Weiß-Kopien, die jemand mit einer Xerox-Maschine aus den frühen Achtzigern gemacht hat.

Oft sind bei der Umformatierung zudem die unterschiedlichen Typen verloren gegangen, sodass sich Vorspann und Lauftext nicht mehr unterscheiden lassen. Der Blocksatz der FAZ etwa wird auf dem Kindle mitunter völlig zerfetzt – auf dem ohnehin nicht gerade riesigen Bildschirm entstehen so Löcher, in denen ein Zwei-Euro-Münze Platz hat.

Noch ärgerlicher ist das Fehlen einer vernünftigen Leserführung. Der größte Nachteil von Onlinemedien gegenüber der Zeitung (Zyniker würden sagen: der einzige) ist der kleinere Screen. Auf der Darstellungsfläche eines Laptops lassen sich bestenfalls halb so viele Artikel unterbringen wie auf der Doppelseite eines Broadsheets.

Da aber der Kindle-Screen nochmals wesentlich kleiner ist (15 cm) als ein Laptop, müsste man sich irgendetwas einfallen lassen – hat man aber nicht. Es gibt, z.B. bei NYT, „Handelsblatt“ und FAZ, eine Rubrikenübersicht (Wirtschaft, Finanzen, Politik) – aber kein Verzeichnis der einzelnen Artikel oder einen Index vorkommender Personen oder Unternehmen, wie es ihn in vielen gedruckten Zeitungen gibt.

Stattdessen muss der geneigte Leser mit Hilfe des Jog-Dial durch die Zeitung blättern, Artikel für Artikel. Das ist ungefähr so komfortabel, als wenn man die gesamte NYT auf DIN-A-5-Seiten ausdrucken und zu einem großen Stapel auftürmen würde.

Am aberwitzigsten finde ich jedoch, dass sich die teilnehmenden Blätter durch die Bank dazu entschlossen haben, einen elektronischen Always-Online-Device mit einem komplett statischen Produkt zu beliefern.

Wie bei der guten alten Druckausgabe wird die Kindle-Zeitung einmal am Tag aktualisiert – und zwar früh morgens mit nachrichten vom Vorabend. Dabei wäre es dank des UMTS-Push ja problemlos möglich, auch zu anderen Zeiten zu aktualisieren.

Nun habe ich nach den ersten zwei Wochen das Gefühl, dass der Kindle sich eher für ruhiges, konzentriertes Lesen längeter Texte eignet – wer ein Feuerwerk aus News-Updates möchte und gerne Headlines scannt, der geht vermutlich besser ins normale Internet. Aber dennoch: Auf einem UMTS-fähigen Gerät die Content-Auslieferungszyklen des Prä-Internetzeitalters 1:1 fortzuschreiben, mutet absurd an.

Einige japanische Zeitungen haben Morgen- und Abendausgaben. Das wäre auch hier eine Möglichkeit. Vielleicht noch eine zusätzliche Mittagsausgabe. Zudem fände ich zumindest in zwei Fällen Push-Updates unverzichtbar:

1. Wenn um 16 Uhr etwas wirklich Großes passiert, kann man seinen (zahlenden!) Abonnenten nicht weiter den ollen Aufmacher vorsetzen, der vor 21 Stunden an die Druckerei gesendet worden ist.

2. Das gleiche gilt für Geschichten, die sich am Tag nach der Drucklegung als falsch erweisen bzw. bei denen sich die Sachlage grundlegend geändert hat. Die könnte man zurückziehen. Da es kein Seitenlayout gibt, wäre das einfach machbar.

Der Fairness halber muss ich anmerken, dass ich nicht weiß, was Amazon den Verlagen für ihre Kindle-Versionen für Vorgaben gemacht hat. Aber da Amazon ein ziemlich innovatives Unternehmen ist und ein großes Interesse daran haben müsste, auf seinem neuen E-Book originelle Produkte mit added value zu offerieren, kann man zumindest mutmaßen, dass die Verlage einen gehörigen Anteil an der enttäuschenden Präsentation ihrer Inhalte auf dem Kindle haben.

Ein letzter, ebenfalls wunderlicher Punkt. Nirgendwo habe ich Werbung gefunden. Wenn man eine Zeitung schon 1:1 für den gleichen Copypreis auf dem Kindle verkauft – wieso lässt man dann nicht die Anzeigen drin?

Oder noch besser: Setzt neue rein. Der Common Sense scheint ja zu sein, dass journalistische E-Paper-Inhalte ohne Werbung auskommen müssen. Aber warum eigentlich?

Werbeanzeigen auf dem Kindle müssten doch theoretisch die teuersten Display-Ads der Welt sein – denn die meisten der Besitzer füttern Amazons Recommendation System schließlich seit Jahren mit Daten zu ihren Shopping-Präferenzen. Exakteres Zielgruppenmarketing geht kaum.

Zum Schluss noch eine kleine Absurdität: Als ich mir meine erste NYT heruntergeladen hatte, wollte ich die Technology Section lesen, die ich von NYT.com kenne und schätze. Auf dem Kindle gibt es sie jedoch nicht.

Warum? Na, weil es sie in der Print-Ausgabe der Grey Lady auch nicht gibt. Der Papierversion liegt einmal wöchentlich die Beilage „Circuits“ bei. Und deshalb ist das auf dem Kindle natürlich auch so.



16 Kommentare

  • skw sagt:

    Finde die Zeitungsformate auf dem Kindle zwar auch „suboptimal“, die vermissten Artikellisten gibt es aber… Und sie sind auch total intuitiv zu finden: Wenn man in der Rubrikübersicht auf die ZAHL der Artikel klickt. 🙂

    Die Formatierungen der Zeitungen sind teilweise trotzdem scheußlich und bei den Zeitungen, die ich bisher als Sample angeguckt habe, fehlten immer die Bilder – dachte das wäre in der International Edition generell so. (Und dafür werde ich garantiert nicht die noch immer viel zu hohen Abopreise zahlen.) Das nicht mehrfach synchronisiert wird, hat sicher auch mit den Übertragungskosten zu tun, die trägt ja weitgehend Amazon und die will man wohl gerne gering halten.


  • Snofru sagt:

    „Wenn man eine Zeitung schon 1:1 für den gleichen Copypreis auf dem Kindle verkauft – wieso lässt man dann nicht die Anzeigen drin? Oder noch besser: Setzt neue rein.“

    Warum soll ich als Kindle-Nutzer den Verlagen die teure Produktion und Lieferung auf Papier abnehmen, indem ich das teure Gerät kaufe, den selben Preis bezahlen und dann auch noch Werbung ertragen?


  • Hilli sagt:

    „Warum soll ich als Kindle-Nutzer den Verlagen die teure Produktion abnehmen, den selben Preis bezahlen und dann auch noch Werbung ertragen?“

    Gute Frage. Die Frage kann man natürlich bei E-Commerce und News im Internet genauso stellen. Dafür benötigt man streng genommen auch erstmal einen PC & eine DSL-Leitung und trägt somit die Vertriebskosten mit.

    Vielleicht würde man Werbung auf dem Kindle als Nutzer dann akzeptieren, wenn man statt der ollen, alten Papierzeitung einen Mehrwert bekäme?

    Aus dem gleichen Grund trage ich ja auch freiwillig Amazons Vertriebskosten mit – dort Bücher zu bestellen ist praktisch und hat somit einen added value.


  • Hilli sagt:

    Inteeessanterweise haben die Verlage ihre Abopreise stark nach oben korrigiert, siehe dieses Posting aus dem vergangenen Jahr: http://www.netzfundbuero.de/2009/02/19/kindle-economics-wie-die-printpresse-ihre-grose-chance-verpatzt/


  • klug sagt:

    Die Fotos in diesem Blog sind übrigens der Bildwiedergabe des Kindle nur unwesentlich überlegen. Zeit für eine Digitalkamera, die den Namen verdient?


  • Snofru sagt:

    Hilli, genau das meine ich: entweder müssen die Verlage ihren Kostenvorteil an den Kunden, der dafür die Kosten für das Gerät trägt, weitergeben oder sie müssen einen Mehrwert schaffen. Einfach die statische Zeitung aufs Kindle zu senden, die ich zu geringeren Kosten an den Frühstückstisch geliefert bekomme, bringt es nicht.

    Es wird auch wohl kaum ein Verlag auf die Idee kommen, Paid-Content im Internet einzuführen einzuführen, dessen Bezahlung sich an den Abogebühren für Print-Zeitungen orientiert. Bzw. wird er scheitern, wenn er es versucht.

    Dein Amazon-Vergleich hinkt aber, zumindest solange es nur um Bücher geht. Denn für die zahlst du nicht das Porto. Du hast also nicht nur added value, sondern sparst dir auch die Kosten (zum Beispiel Zeit und Sprit) um die Bücher selbst aus der Buchhandlung zu holen.


  • Frank sagt:

    …ohne den Kindle in der Hand gehabt zu haben, scheint mir -zumindest nach den obigen Schilderungen- das Nutzerinterface für die Zeitungsinhalte gründlich daneben gegangen zu sein.

    Ich warte gespannt auf das TApplet. Wenn Apple etwas kann, dann Nutzerinterfaces neu zu denken …


  • malenki sagt:

    Möglicherweise bin ich der einzige, der sich das fragt aber: Welchen Vorteil hat ein eBook-Reader vor einen Netbook?
    Als einziges fällt mir die lange Akkulaufzeit ein.
    Mit einem Netbook kann man unbeschränkt im Netz surfen (geeigneter Tarif vorausgesetzt), man ist nicht auf wenige Seiten und vorsortierte Angebote beschränkt. Man kann Onlinetexte von überallher lesen, zum Beispiel bei Projekt Gutenberg oder in der Adelaider Universitäts-Bibliothek. PDFs und Formate jeglicher Couleur sind kein Problem.

    Dass eBooks nicht (oder selten) in nicht-proprietären Formaten verkauft werden, liegt nicht am Gerät, sondern an den Inhalteverkäufern. Möglicherweise wird es in ein paar Jahren auf dem Buchmarkt so aussehen wie jetzt bei den Filmen: Wer das Original kauft (DVD), muss mit Verschlüsselung, Rootkits und anderen Systemmanipulationen und dem Copyright-blah-Vorspann leben – möglicherweise läuft die DVD auch gar nicht. Wer sich den Film herunterlädt, kann ihn ohne Probleme anschauen.
    Zu guter Letzt denke ich mit Grausen an die Aktion, bei der Amazon „1984“ und ein paar andere Bücher vom Kindle gelöscht hat. Da weiß man, was man (nicht) hat!
    (Natürlich hat Amazon gesagt: „Hups sorry, schlecht überlegt und reagiert, wir machen das nicht wieder.“…)
    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Amazon-loescht-gekaufte-Kindle-eBooks-6887.html und
    http://www.heise.de/ct/meldung/Amazon-zahlt-150-000-US-Dollar-wegen-Loeschung-von-E-Books-807776.html
    Zynisch könnte man das so zusammenfassen:
    „Jetzt löschen wir nur noch, wenn wir […] [wollen] oder […] [müssen].“


  • Mario H. sagt:

    @malenki: das Handling des E-Book-Readers ist dem Netbook überlegen: kein Aufgeklappe und somit keine Größenveränderung. Des Weiteren (ist das ein Vor- oder Nachteil?) können die Verlage – mit z.B. Amazon im Boot – maßgeschneiderte Angebote (vlt. auch mit geschützten Texten) für die Plattformen anbieten.
    Worauf ich beim Reader-Kauf warte, ist die Möglichkeit, Rubriken bei den Zeitungen zu abonnieren. Feuilleton. Kultur und Sport interessieren mich nicht, warum soll ich also dafür zahlen?


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