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Archive for November, 2009

Schräge Schilder als Video (Werbung)

November 23rd, 2009

Tom

Kann man kaufen.

Schöner schenken mit Amazon

November 22nd, 2009

Tom

Besonders gut gefallen mir der zauselige Ehemann und “Leute, die schon alles haben”:

Pacta sunt servanda

November 20th, 2009

Tom

Die Herren von der DKV schreiben: “Natürlich ist jede Preiserhöhung eine wenig erfreuliche Nachricht. Andererseits ist es beruhigend zu wissen, dass Ihnen die vertraglich vereinbarten Leisungen sicher sind.”

Jetzt soll ich schon dankbar dafür sein, dass Ihr Euch an Recht und Gesetz haltet.

Werbung bizarr: Post schließt alle Filialen – wirbt aber mit 1000 Neueröffnungen

November 19th, 2009

Tom

Ach, die Werbung, dieser flitternde Vogel. Selten entsprechen ihre Aussagen uneingeschränkt der Wahrheit, mitunter sind sie dreiste Lügen. Und manchmal bewegen sich Werbebehauptungen im Bereich des Surrealen, wie bei der neuen Kampagne der Deutschen Post, deren Motive im Internet und auf Billboards zu sehen ist.

Dieses ist besonders schön:

1000 neue Filialen seit 2002? 15 pro Monat? Das klingt irgendwie kontraintuitiv, denn die Deutsche Post reduziert die Zahl der selbst betriebenen Außenstellen seit Jahren. Einstmals waren es Tausende, jetzt sind nur noch rund 500 übrig.

Dennoch gibt es in Deutschland aktuell etwa 14.000 Postshops, weil das Unternehmen parallel zur Schließung seit Jahren auf private Drittanbieter als Service- bzw. Franchisepartner setzt. 2011 soll es nur noch private Postfilialen geben.

Wenn aber ein rechtlich von der Deutschen Post unabhängiges Unternehmen, sagen wir, zum Beispiel ein türkischer Gemüsehändler in meiner Nachbarschaft einen kleinen gelben Counter neben seine Tomaten stellt und draußen eine Briefkasten anschraubt (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht), dann kann man – zumindest nach meinem Verständnis von Wahrhaftigkeit und Lauterkeit kaum behaupten, man eröffne selber neue Filialen.

Wenn man es tut, dann muss man zumindest sehr viel Chuzpe besitzen.

Ein Post-Sprecher erklärte auf Anfrage, der wunderlich wirkenden Werbeslogan sei “kein Widerspruch, sondern offenbar nur ein begriffliches Missverständnis”. Die Sache mit den alten, neuen, postbetriebenen und privatbetriebenen Filialen sei recht komplex, so der Sprecher, und oft werde der Sachverhalt leider nicht korrekt wiedergegeben. “Hier handelt es sich einfach um das Phänomen der Verkürzung von Meldungen in den Medien.”

Wenn das so ist, dann handelt es sich bei der Post-Werbung offenbar um das Phänomen der Verkürzung von Fakten in der PR.

Die Post behauptet übrigens, Kunden seien mit nicht von der Post betriebenen Filialen zufriedener als mit Eigenfilialen. Wenn das so ist, dann wäre es vielleicht tatsächlich besser, die gesamte Paketabfertigung nebenbei von freundlichen, fleißigen Gemüsehändlern erledigen zu lassen.

Wie wäre es dazu mit einem neuen Plakat auf dem steht: “Service ist für uns ein Versprechen, das wir durch die Schließung von 1.000 mit übellaunigen, langsamen Beamten besetzten Filialen eingelöst haben.”

Also – mich würde das ansprechen.

Wie die Zeitungsbranche ihr Debüt auf Amazons Kindle versemmelt

November 10th, 2009

Tom

Seit etwa zwei Wochen besitze ich einen Amazon Kindle. Als elektrisches Buch macht er mir viel Freude. Zurzeit nehme ich meinen Kindle allabendlich mit ins Bett und lese auf ihm “Conan the Cimmerian”.

Nur als Zeitung ist er eine große Enttäuschung.

E-Reader sollen, das hoffen zumindest viele Verlagsmanager, die Zeitung retten. Auf den ersten Blick erschien mir das Gerät als Papierersatz recht viel versprechend. Auf dem Kindle gibt es derzeit 56 Zeitungen, darunter “New York Times”, “Mainichi Shinbun” und “Le Monde”.

Die Titel kann man einzeln kaufen oder abonnieren. Dazu reicht ein Klick, die Zeitung wird dann über die Mobilfunkverbindung des Kindle binnen Sekunden auf das Gerät gepusht.

Dass Menschen für ihre NYT wieder zwei Dollar berappen, statt sie umsonst im Netz zu lesen, ist natürlich eine große Chance für die Verlage. Mein erster Eindruck ist: Sie nutzen sie nicht. Kaum eines der auf dem Kindle erhältlichen Blätter scheint sich ernsthaft Gedanken darüber gemacht zu haben, wie es seine Inhalte für den E-Reader optimieren kann. Stattdessen werden die Papierausgaben 1:1 übertragen.

Das Elend fängt bei der Optik an. Fotos sehen auf elektronischem Papier, gelinde gesagt, bescheiden aus. Sie wirken wie Schwarz-Weiß-Kopien, die jemand mit einer Xerox-Maschine aus den frühen Achtzigern gemacht hat.

Oft sind bei der Umformatierung zudem die unterschiedlichen Typen verloren gegangen, sodass sich Vorspann und Lauftext nicht mehr unterscheiden lassen. Der Blocksatz der FAZ etwa wird auf dem Kindle mitunter völlig zerfetzt – auf dem ohnehin nicht gerade riesigen Bildschirm entstehen so Löcher, in denen ein Zwei-Euro-Münze Platz hat.

Noch ärgerlicher ist das Fehlen einer vernünftigen Leserführung. Der größte Nachteil von Onlinemedien gegenüber der Zeitung (Zyniker würden sagen: der einzige) ist der kleinere Screen. Auf der Darstellungsfläche eines Laptops lassen sich bestenfalls halb so viele Artikel unterbringen wie auf der Doppelseite eines Broadsheets.

Da aber der Kindle-Screen nochmals wesentlich kleiner ist (15 cm) als ein Laptop, müsste man sich irgendetwas einfallen lassen – hat man aber nicht. Es gibt, z.B. bei NYT, “Handelsblatt” und FAZ, eine Rubrikenübersicht (Wirtschaft, Finanzen, Politik) – aber kein Verzeichnis der einzelnen Artikel oder einen Index vorkommender Personen oder Unternehmen, wie es ihn in vielen gedruckten Zeitungen gibt.

Stattdessen muss der geneigte Leser mit Hilfe des Jog-Dial durch die Zeitung blättern, Artikel für Artikel. Das ist ungefähr so komfortabel, als wenn man die gesamte NYT auf DIN-A-5-Seiten ausdrucken und zu einem großen Stapel auftürmen würde.

Am aberwitzigsten finde ich jedoch, dass sich die teilnehmenden Blätter durch die Bank dazu entschlossen haben, einen elektronischen Always-Online-Device mit einem komplett statischen Produkt zu beliefern.

Wie bei der guten alten Druckausgabe wird die Kindle-Zeitung einmal am Tag aktualisiert – und zwar früh morgens mit nachrichten vom Vorabend. Dabei wäre es dank des UMTS-Push ja problemlos möglich, auch zu anderen Zeiten zu aktualisieren.

Nun habe ich nach den ersten zwei Wochen das Gefühl, dass der Kindle sich eher für ruhiges, konzentriertes Lesen längeter Texte eignet – wer ein Feuerwerk aus News-Updates möchte und gerne Headlines scannt, der geht vermutlich besser ins normale Internet. Aber dennoch: Auf einem UMTS-fähigen Gerät die Content-Auslieferungszyklen des Prä-Internetzeitalters 1:1 fortzuschreiben, mutet absurd an.

Einige japanische Zeitungen haben Morgen- und Abendausgaben. Das wäre auch hier eine Möglichkeit. Vielleicht noch eine zusätzliche Mittagsausgabe. Zudem fände ich zumindest in zwei Fällen Push-Updates unverzichtbar:

1. Wenn um 16 Uhr etwas wirklich Großes passiert, kann man seinen (zahlenden!) Abonnenten nicht weiter den ollen Aufmacher vorsetzen, der vor 21 Stunden an die Druckerei gesendet worden ist.

2. Das gleiche gilt für Geschichten, die sich am Tag nach der Drucklegung als falsch erweisen bzw. bei denen sich die Sachlage grundlegend geändert hat. Die könnte man zurückziehen. Da es kein Seitenlayout gibt, wäre das einfach machbar.

Der Fairness halber muss ich anmerken, dass ich nicht weiß, was Amazon den Verlagen für ihre Kindle-Versionen für Vorgaben gemacht hat. Aber da Amazon ein ziemlich innovatives Unternehmen ist und ein großes Interesse daran haben müsste, auf seinem neuen E-Book originelle Produkte mit added value zu offerieren, kann man zumindest mutmaßen, dass die Verlage einen gehörigen Anteil an der enttäuschenden Präsentation ihrer Inhalte auf dem Kindle haben.

Ein letzter, ebenfalls wunderlicher Punkt. Nirgendwo habe ich Werbung gefunden. Wenn man eine Zeitung schon 1:1 für den gleichen Copypreis auf dem Kindle verkauft – wieso lässt man dann nicht die Anzeigen drin?

Oder noch besser: Setzt neue rein. Der Common Sense scheint ja zu sein, dass journalistische E-Paper-Inhalte ohne Werbung auskommen müssen. Aber warum eigentlich?

Werbeanzeigen auf dem Kindle müssten doch theoretisch die teuersten Display-Ads der Welt sein – denn die meisten der Besitzer füttern Amazons Recommendation System schließlich seit Jahren mit Daten zu ihren Shopping-Präferenzen. Exakteres Zielgruppenmarketing geht kaum.

Zum Schluss noch eine kleine Absurdität: Als ich mir meine erste NYT heruntergeladen hatte, wollte ich die Technology Section lesen, die ich von NYT.com kenne und schätze. Auf dem Kindle gibt es sie jedoch nicht.

Warum? Na, weil es sie in der Print-Ausgabe der Grey Lady auch nicht gibt. Der Papierversion liegt einmal wöchentlich die Beilage “Circuits” bei. Und deshalb ist das auf dem Kindle natürlich auch so.

“Die Geschichte des Rollenspiels” auf Facebook

November 6th, 2009

Tom

In der Hoffnung auf eine lebhafte Diskussion und viele Uploads alter Bilder haben wir zu unserer Rollenspiel-Serie eine Facebook-Seite eingerichtet.

Rollenspielhistorie: 25 Jahre DSA

November 6th, 2009

Tom

Mein Kollege Konrad Lischka und ich haben heute als Teil einer Serie über die (Kultur-)Geschichte des Rollenspiels auf SPIEGEL ONLINE einen Artikel über die Entstehung von “Das schwarze Auge” veröffentlicht.

Es gibt zu der Historie des Spiels natürlich noch viele weitere Döntjes und (teilweise sehr nerdige) Details, die vermutlich nur eingefleischte Fans interessieren. Aber für alle, die Lust auf einen längeren Text zum Thema haben: Hier folgt eine Langversion.

Rollenspiel mit Meister-Maske

Seltsamer Name, seltsame Spielutensilien – und eine fanatische Fangemeinde: “Das Schwarze Auge” ist Deutschlands erfolgreichstes Fantasyspiel. Zauberer und Eiselfen aus Aventurien bevölkern seit 25 Jahren Wohnzimmer und Computer – und demnächst vielleicht auch die Leinwand.

Die angelsächsischen Kritiker waren völlig aus dem Häuschen. Ganz wunderbar sei das deutsche Computerrollenspiel “Drakensang”: Die Spielwelt überzeuge mit “mittelalterlichem europäischen Flair”, das Gameplay sei hervorragend. Nur die Charakternamen, die seien dann doch etwas albern. Welcher Gamer wolle schon Glombo von Wildfang oder Ardo von Eberstamm heißen?

Offenbar recht viele. “Drakensang” haben in Deutschland über 150.000 Spieler gekauft – und im Ausland noch mal 300.000. Übersetzte Versionen werden unter anderem in Russland, Großbritannien, den USA und Frankreich angeboten. Die teutonisch klingenden Namen und die realistische, mittelalterliche Welt verleihen “Drakensang” ein besonderes Flair: Wer hier unterwegs ist, merkt schnell, dass dies kein Herr-der-Ringe- oder World-of-Warcraft-Abklatsch ist. Auch die Juroren des Deutschen Computerspielpreises lobten die “faszinierende Fantasywelt”.

Diese Welt heißt Aventurien und ist unglaublich detailliert – weil ihre Schöpfer seit 25 Jahren an ihr arbeiten. Die Beschreibungen von Städten und Regionen umfassen inzwischen tausende Seiten. Aventurien gehört zum Pen&Paper-Rollenspiel ” “, dem erfolgreichsten deutschen Rollenspiel, das in diesem Jahr sein silbernes Jubiläum feiert.

Eskapisten mit Geschäftsinn

Erschaffen haben die Welt und das dazugehörige Rollenspiel Ulrich Kiesow, Werner Fuchs und Hans Joachim Alpers. Die drei Männer vereinte ein Faible für fantastische Literatur und eskapistische Hobbies, wie Strategiespiele oder Zinnminiaturen. “Wir waren sozusagen Ex-Hippies. Und wir waren unzufrieden mit der Realität”, erinnert sich Fuchs.

Fuchs arbeitete als Science-Fiction-Lektor für den Verlag Droemer Knaur und betrieb seit 1977 in Düsseldorf den Fantastic Shop, der Comics, Bücher und Strategiespiele wie “Civilization” oder “Diplomacy” verkaufte. Ihm war nicht entgangen, dass sich auf dem US-Spielemarkt damals gerade Erstaunliches tat.

Dort erzielte ein völlig neuartiges Spiel namens “Dungeons & Dragons” sensationelle Erfolge. Es handelte sich um ein Gesprächsspiel ohne Brett, bei dem die Teilnehmer die Rollen von Zwergen, Elfen und Zauberern übernahmen. D&D-Hersteller TSR war auf der “Fortune”-Liste der am schnellsten wachsenden Unternehmen vertreten und verkaufte Millionen von Boxen seines so genannten Fantasy-Rollenspiels.

Den eigenen Konkurrenten herangezüchtet

Fuchs und sein Schwager Kiesow verbrachten 1982 einen regnerischen Dänemark-Urlaub damit, D&D zu spielen und waren hellauf begeistert. Fuchs riet Droemer Knaur, in den lukrativen Rollenspielmarkt einzusteigen. Als er im Winter 1982 erfuhr, dass TSR eine deutsche Ausgabe von D&D plante, bot er seine Hilfe an.

Da Fuchs, Alpers und Kiesow versierte Übersetzer waren, erhielten sie rasch den Zuschlag. “Wir haben dann für TSR übersetzt. Vier D&D-Boxen, 18 Abenteuer – Hügel des Grauens, Festung im Grenzland – das ganze Zeug”, erinnert sich Fuchs. Der umtriebige Schwabe verhandelte parallel mit Droemer Knaur und dem Münchner Gesellschaftsspiele-Produzenten Schmidt. Sie sollten D&D auf den Markt bringen.

Alles schien in trockenen Tüchern, bis der damalige Schmidt-Geschäftsführer Jürgen Stöhr die Tantiemenforderungen TSRs vorgelegt bekam. Die erfolgstrunkenen Amerikaner wollten 25 Prozent des Verkaufspreises – ein sehr hoher Anteil. Stöhr, so erinnert sich Fuchs, habe von der D&D-Firma moderatere Konditionen gefordert und ihr gedroht: “Sonst blasen wir euch vom Markt.” Dieser Tonfall gefiel den Amerikaner überhaupt nicht, die Verhandlungen mit Schmidt platzten – und Fuchs wurde von TSR angewiesen, seine Übersetzungen an die Altenburger und Stralsunder Spielkarten-Fabriken (ASS) zu schicken, bei der D&D nun erscheinen sollte.

“Wir hatten nix”

Wenige Monate vor der wichtigen Nürnberger Spielwarenmesse stand Schmidt folglich mit leeren Händen da. D&D hatte der Renner des Weihnachtsgeschäfts werden sollen. Im November 1983 wandte sich Stöhr deshalb an Fuchs’ und Alpers’ Firma Fantasy Productions. Man brauche bis April 1984 ein komplettes Rollenspiel – mit Regelwerk, Weltbeschreibung und etlichen Abenteuerbänden.

“Aber wir hatten nix”, sagt Fuchs. Trotzdem nahm er den Auftrag an. “Und dann haben wir uns an den Wohnzimmertisch gesetzt und den Kontinent Aventurien gezeichnet. In zwei Stunden war das fertig.” Die Benennung der Städte, Flüsse und Bergketten erfolgte im Hauruck-Verfahren – so wurde etwa aus dem Stadtteil Düsseldorf-Garath die Kaiserstadt Gareth.

Nach vier Wochen war das Spiel, das seine Autoren “Aventuria” nennen wollten, im Großen und Ganzen fertig. Pünktlich zur Spielemesse 1984 stellte Schmidt das “Abenteuer Basis-Spiel” vor. Die Box enthielt zwei Hefte à 60 Seiten, Würfel sowie einen Papp-Paravent, hinter dem der Spielleiter seine Unterlagen verstecken konnte.

Ihren Wunschtitel Aventuria konnten die Autoren nicht durchsetzen. Schmidts Marketingexperten erfanden stattdessen den Namen “Das Schwarze Auge”, kurz DSA – der kam zwar im Spiel nirgendwo vor, klang aber irgendwie geheimnisvoll. Fuchs und Kiesow hielten ihn damals für Mist. “Rückblickend hat er sich aber durchaus bewährt”, meint Thomas Römer, langjähriger Chef der DSA-Redaktion.
Im Regal neben “Mensch ärgere Dich nicht”

Mehr noch als dem schmissigen Namen und dem einfach zu erlernenden Regelwerk dürfte es jedoch der Vertriebspower von Schmidt zu verdanken sein, dass DSA einen spektakulären Durchbruch schaffte. Der damals zweitgrößte deutsche Spielehersteller (“Kniffel”, Mensch ärgere Dich nicht”) setzte seine Armada von Vertriebs- und Werbeleuten darauf an, DSA in den Markt zu drücken.
DSA-Macher Fuchs erinnert sich, dass Schmidts Handelsvertreter zunächst große Augen machten, als sie das seltsame Fantasyspiel präsentiert bekamen. Die Vertriebler waren meist arrivierte Anzugträger um die 50, die ihrer Kundschaft bisher die Vorzüge von Spielen wie “Spitz pass auf” erläutert hatten und nun rasch etwas über Orks, Drachen und Hexenmeister lernen mussten. “Uli und ich hatten auf deren Weihnachtsfeier 1983 vier Spielrunden, da haben wir 25 Vertreter durchgeschleust. Da saßen dann vier Herren mit Krawatte und du erzähltest denen etwas von Aventurien.”

Die Mühe lohnte sich. Man fand eine einfache Verkaufsargumentation: “Das neueste Ding aus Amerika, das ist die Zukunft, das läuft drüben – die Schiene war das dann”, so Fuchs. Hinzu kam, dass der Spielegigant Schmidt zu dieser Zeit praktisch jeden Spielzeugladen in Deutschland belieferte. Anders als kleinere Rollenspiele wie “Midgard” war “Das Schwarze Auge” deshalb von Anfang an in jedem Vedes-Geschäft und jeder Karstadtfiliale erhältlich. Schmidt schaltete außerdem TV-Spots. Alleine 1984 wurden so 100.000 DSA-Basisboxen verkauft.

Viele der Käufer hatten vorher noch nie etwas von Rollenspielen gehört. Bestenfalls hatten sie den “Herrn der Ringe” gelesen Fuchs: “DSA hat Leute neu zum Rollenspiel gebracht – Oberstufler, Studenten. Der Erstkontakt-Anteil war sehr hoch. Und über die Fernsehwerbung und die Spielläden kamen viele Kids dazu.”

Mittelalterliches Flair

Manche Fantasy-Afficionados rümpften gerade deshalb die Nase über das “Kraut-Rollenspiel”. Zu kommerziell, zu schlicht und mitunter etwas altbacken, das waren die Vorwürfe. Nicht nur der alberne Name “Aventurien” stieß einigen auf. Unwohlsein verursachte auch DSA-Zubehör wie die in einer der Boxen mitgelieferte “Maske des Meisters” – eine schwarze Scheußlichkeit aus Plastik, die man nicht einmal während des Kölner Karnevals aufzöge. Lächerlich wirkten auch die Zaubersprüche, die Spieler aufsagen sollten. Einige Kostproben: “Flimm Flamm Flunkel – Bring Licht ins Dunkel!” oder “Salander Mutanderer – Sei ein anderer!”

Doch das waren Kinderkrankheiten. Was DSA bis heute wohltuend von vielen US-Fantasyspielen abhebt, ist das mittelalterliche Flair. Statt comichafter Drachen gibt es nibelungenhafte Tatzelwürmer, die Zeichnungen und Beschreibungen haben viel von nordischen Heldensagen und triefen vor europäischen Geschichtsbezügen. “Als Europäer hat man eben eine ganz andere Vorstellung vom Mittelalter als die Amis”, sagt Chefredakteur Römer.

Die Rollenspielszene vegreist

100.000 verkaufte Boxen in einem Jahr – diese Zahl reichte aus, um D&D “vom Markt zu blasen” und eine installed base zu schaffen. Spieler, die sich anfangs für DSA entschieden hatten, kauften in der Folgezeit treu Abenteuer, Taschenbücher, Computerspiele.
Fuchs und Alpers arbeiteten noch einige Zeit mit, von 1988 an kümmerte sich Ulrich Kiesow allein um DSA. Der 1997 verstorbene Autor wurde zum Aushängeschild des Spiels und wird von Fans bis heute abgöttisch verehrt.

1992 erschien das erste DSA-Computerspiel: “Die Schicksalsklinge”, entwickelt von der deutschen Firma Attic. Das Spiel verkaufte sich so gut, dass Attic den Titel bis 1996 zur “Nordland-Trilogie” ausbaute. Während die Computerspiele sich exzellent verkauften, sank die Zahl der mit Stift, Papier und Würfeln spielenden DSAler.

1997 ging Schmidt Spiele pleite. Fuchs und Alpers kauften die DSA-Markenrechte aus der Insolvenzmasse. Ihr Verlag Fantasy Productions verlegt inzwischen nur noch Taschenbücher, die inzwischen vierte Edition von DSA erscheint in Lizenz beim hessischen Verlag UIlisses.

Das unternehmerische Risiko bei Pen&Paper-Rollenspielen sei inzwischen äußerst hoch, erklärt Fuchs: “Das sind sehr aufwändige, sehr teure Produkte. Die Herstellung und Konfektionierung kostet viel und bindet Kapital, lange bevor die Produkte im Handel stehen. Es ist sehr schwierig, mit so aufwendigen Titeln Geld zu verdienen.”

Hinzu kommt, dass DSA wie die meisten Pen&Paper-Spiele mit einer sinkenden Zahl von Fans kämpft. Von der vierten Auflage 2002 wurden noch gut 20.000 Exemplare verkauft. Der Altersdurchschnitt steigt. Ulisses-Verlagsleiter Patric Götz erklärt: “Das Problem ist nicht, dass wir keine 14-jährigen mehr haben, wir haben einfach immer mehr 50-jährige Spieler. In den Achtzigern wäre kein 50-Jähriger darauf gekommen, DSA zu spielen. Heute spielen viele Leute immer noch oder wieder DSA”,

Nibelungentreue Fans

Zumindest sind die verbleibenden Fans sehr, sehr treu. Die Fülle des von ihnen geschriebenen DSA-Materials im Web ist überwältigend. Markeninhaber Fuchs freut das: “So lange es nicht kommerziell ist, dürfen die Fans alles machen”.
Ein gutes Beispiel ist das DSA-Lexikon . Der erste Artikel erschien im Oktober 2004. Inzwischen stehen knapp 20.000 online, mehr als 25 Millionen mal wurde die Enzyklopädie aufgerufen. Die Wiki-Artikel zu Geographie und Geschichte bereitet Daniel Geibig in seinem Projekt derzeit eindrucksvoll auf: Er und sein Freiwilligen-Team haben einen digitalen Atlas der DSA-Welt Dere in Google Earth geschaffen – inklusive Regional- und Landeskarten sowie Verweisen zum Wiki.

Obwohl Offline-Rollenspiel auf dem Rückzug ist, wird Aventurien seinen Fans somit wohl noch etliche Jahre erhalten bleiben. Zudem hat “Drakensang” viele Leute auf DSA aufmerksam gemacht – auch aus der Filmbranche. Eine deutsche Produktionsfirma, erzählt Fuchs, habe unlängst die Option auf die Filmrechte gekauft. Vielleicht kommen Helden wie Ardo von Eberstamm trotz ihrer wunderlichen Namen eines Tages sogar noch auf die Leinwand.

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